Warum dieses Buch?

Liebe Leserin, lieber Leser,
ein kluger Mensch meinte, es sei leichter, ein Buch zu schreiben als es nicht zu schreiben. Ich muß gestehen, mir fällt beides schwer, leider. Es würde mich unbefriedigt lassen, wesentliche Gedanken aus Erkenntnissen und Erfahrungen, die mir und anderen nützlich sein können, nicht weitergegeben zu haben. Ein amerikanischer Schriftsteller fragte: Wenn du nicht bereit bist, für deine Mitwelt etwas zu tun, warum hast du dann gelebt? Ich denke, daß dies eine berechtigte Frage für einen nachdenklichen und verantwortungsbewußten Menschen ist. Und auch das folgende Zitat ermutigt mich zum Einmischen: Es heißt, daß wir die erste Generation sind, welche die Fähigkeit hat, den Lauf der Weltentwicklung zu ändern, und daß wir die letzte sein könnten, welche die Möglichkeit dazu hat. Das ist der Grund, daß unsere Generation eine besondere Verantwortung und Gelegenheit hat, globale Veränderungen durchzuführen - und dies rechtzeitig. (Gro Harlem Brundtland, Ministerpräsidentin von Norwegen a.D.)
   Zur Struktur dieses Buches möchte ich bemerken, daß es sich bei den einzelnen Kapiteln um eine Zusammenstellung von Aufsätzen und Artikeln handelt, die ich in der Zeit von 1993 bis 1999 im Rahmen der 'Humanistischen AKTION' als Flugblätter herausgegeben habe, und die teilweise in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Es kommt deshalb gelegentlich zu Wiederholungen von Zitaten und Gedankengängen. Lassen Sie sich dadurch nicht irritieren, sondern sehen Sie es so, daß es sich hier um ein Thema in Variationen handelt: gemeint ist Humanismus als ethische Orientierung.
   Wiederholungen haben manchmal den Vorteil, daß Gedanken sich einprägen und leichter verinnerlichen, was dem Anliegen des Buches entspricht. Überhaupt ist ja alles Wesentliche vielleicht schon gesagt worden, nur wurde es zu wenig beachtet und angewendet. Wie viele Menschen halten beispielsweise die 10 Gebote für unentbehrlich, und wenn sie diese zitieren sollen, dann fällt ihnen gerade keines oder vielleicht nur eines ein. Ich halte es daher mit Voltaire, der sagte: Ich werde mich solange wiederholen, bis man mich verstanden hat, und ich würde mich freuen, wenn andere Menschen guten Willens nicht müde würden, Kritik zu üben, da wo es not-wendig ist. Geht es doch darum, allen Menschen dieser einen Welt Wege ethischer Orientierung anzubieten, welche sie verbinden und wie sie ein umfassend verstandener, universeller Humanismus erfordert.
   Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie lange es dauern kann, bis Erkenntnisse sich soweit verinnerlicht haben, daß sie jederzeit abrufbar sind, und zwar nicht nur gefühlsmäßig, sondern formulierbar. Wie oft habe ich das Gefühl gehabt, einer grundlegenden Erkenntnis ganz sicher zu sein, um dann doch große Mühe mit ihrer kurzen Formulierung zu haben. Und gerade darauf kommt es an, den Sachverhalt klar auf einen Punkt bringen zu können. Wie oft ist zu hören, daß alles nicht so einfach sei, oder daß es keine Patentrezepte gäbe. Aber nicht umsonst sagt ein Sprichwort Wer's kann, tut's, wer's nicht kann, lehrt's. Und Goethe sagte: Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muß auch tun. Deshalb bin ich ein Freund von Sprichwörtern und Zitaten, weil dies geistige Konzentrate sind. Sie können Wegweiser und Stützpunkte sein auf dem Weg zu einem sinnerfüllten Leben. Selbstverständlich können Sprüche und Zitate nicht nur zum Nachdenken und zum Handeln, sondern auch zum Widerspruch anregen, je nachdem auf welcher menschlichen Entwicklungsstufe oder in welcher psychischen Verfassung man sich befindet und wie eindeutig der Text ist. Wahrheitsliebe zeigt sich darin, daß man überall das Gute zu finden weiß (Goethe).
   Ich habe Menschen kennengelernt, die grundsätzlich allergisch auf Sprüche reagierten. Auf Nachfrage hin stellte sich dann heraus, daß sie noch immer an einer Erinnerung aus ihrer Jugend litten, damals waren sie mit Sprüchen gefüttert worden. Aber in Sentenzen und Maximen können sich auch wichtige Erkenntnisse verdichten. Auf der Veranstaltung einer freien Religionsgemeinschaft fragte ich einen der Leiter nach seiner Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, woraufhin er entrüstet erwiderte, daß er danach nicht einmal seine eigenen Kinder fragen würde. So schwer kann es sein, wesentliche Erkenntnisse zu gewinnen, sie zu verinnerlichen und anzuwenden. Es hat lange gedauert, bis mir klar wurde, daß die meisten Intellektuellen, mit denen ich zu tun hatte, zwar sehr viel über alles Mögliche wissen, daß sie an Erkenntnissen über sich selbst aber nur wenig interessiert sind. Verstand und Gefühl sind halt immer wieder getrennt.
   Grundsätzlich aber ist es für den Menschen wichtig, sich geistig auf das Wesentliche des Lebens hin zu orientieren, um sinnvoll handeln und leben zu können. So wie Sportler vor einem Wettkampf ein mentales Training durchführen, indem sie wiederholt den Ablauf ihrer Übung gedanklich vorausnehmen. So, wie - eigentlich - die Kirche jeden Sonntag wirklich Wesentliches zum sinnvollen Leben wiederholen müßte. Und so, wie Schriftsteller, Politiker und andere Prominente denjenigen immer wieder Selbstverständlichkeiten predigen müßten, die sich undemokratisch und gewalttätig verhalten. Einerseits gibt es ein immenses Wissen und genügend einflußreiche Leute an entscheidenden Stellen. Andererseits aber gibt es, scheint mir, zu wenige Menschen mit der Fähigkeit zur konsequenten Anwendung des Wissens sowie mit der Bereitschaft zur Selbstreflexion und Zusammenarbeit.
   Hierzu gleich schon mal einige meiner geschätzten Zitate zum Thema Wissen und Anwendung des Wissens: Ich habe Leute gekannt von schwerer Gelehrsamkeit, in deren Kopf die wichtigsten Sätze zu Tausenden selbst in guter Ordnung beysammen lagen, aber ich weiß nicht, wie es zuging, ob die Begriffe lauter Männchen oder lauter Weibchen waren, es kam nichts heraus. In einem Winkel ihres Kopfes lag Schwefel, im anderen Kohlenstaub, im dritten Salpeter genug, aber das Pulver hatten sie nicht erfunden. (Georg Christoph Lichtenberg) - Manche Menschen benutzen ihre Intelligenz zum Vereinfachen, manche zum Komplizieren. (Erich Kästner) - Was nicht auf einer Manuskriptseite zusammengefaßt werden kann, ist weder durchdacht, noch entscheidungsreif. (Dwight D. Eisenhower) - In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. (Goethe) - Von allen Erklärungen, die in einem bestimmten Falle denkbar sind, ist die einfachste immer die richtige. (Wilhelm von Ockham) - Alles Große und Edle ist einfacher Art. (Gottfried Keller) - Das Problem ist noch nicht gelöst: Viel zu wissen, und doch praktisch zu handeln. Viel leichter handelt Einer, der weniger Wissen hat, aber dieses geordnet. ... Das Richtige ist einfach. (Werner Kollath) - Was du nicht sagen kannst, während du auf einem Bein stehst, so kurz - das ist nicht klar und wahr. (Ben Akiba) - Alles Tiefe ist zugleich ein Einfaches und läßt sich als solches wiedergeben, wenn nur die Beziehung auf die ganze Wirklichkeit gewahrt ist. (Albert Schweitzer)

   Anlaß für diese Arbeit - so fasse ich zusammen - ist ein zunehmender Bedarf in der Gesellschaft an sie verbindender, ethischer Orientierung, was seinen Ursprung hat in überholten Traditionen, einer zu großen Orientierung an materiellen Werten und einem dadurch verursachten Verlust an innerer Sicherheit und Menschlichkeit. Ein Zeichen für die Suche nach Identität mittels neuer Orientierungen ist die Esoterik-Welle. Neben einer zunehmenden Religions-Kritik stehen restaurative und fundamentalistische Tendenzen. Was fehlt, sind zeitgemäße, vernunftbegründete Alternativen und konstruktive Anregungen in einer allgemein verständlichen und kurz gefaßten Form. Wissen ist in unserer Gesellschaft auf allen nur möglichen Gebieten reichlich vorhanden, es existieren Millionen von bedeutenden Büchern. Was fehlt, ist das Aufbereiten dieses reichen Wissens zur leichteren Verfügbarkeit im Alltag, um seine Anwendung im Dienst einer individuellen Stabilisierung und gesellschaftlichen Gesundung zu fördern.
   Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit geistigen Lebens-Grundlagen, mit den Quellen menschlichen Verhaltens und Handelns. Sie soll aber nicht ein Ausweichen in die Theorie unterstützen, sondern durch kritische Prüfung und Auswahl wesentlicher Gedanken das Anwenden des bereits vorhandenen kollektiven und individuellen Wissens fördern. Sie soll ermutigen, Abschied zu nehmen von bequemen, aber überholten, überwiegend im Gefühlsbereich verankerten und darum gefährlichen Traditionen. Sie soll anleiten, ganzheitlich zu denken und zu fühlen, volle Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und einen Anteil an Verantwortung auch für die Mitwelt zu tragen.
   Die angefügte Sammlung von über 500 wenig bekannten - weil überwiegend kritischen - mitunter unbequemen, manchen vielleicht auch peinlichen Zitaten von über 300 Dichtern, Denkern, Wissenschaftlern, Politikern und Theologen aus mehreren Jahrhunderten zum Thema Religion, Glauben, Christentum und Kirche wendet sich an Menschen, die eine sinnvolle Lebensgestaltung anstreben. Das sind im Grunde wohl - mehr oder weniger bewußt - alle Menschen.
Die Sammlung soll dazu beitragen, das in unserer Gesellschaft vorhandene Defizit an alternativer Information zu diesem grundlegend wichtigen Thema zu verringern. Vieles wird auf diesem Gebiet seit langem ängstlich tabuisiert. Freie Meinungsbildung und Weiterentwicklung aber braucht die kritische Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Auffassungen. Die Sammlung soll dazu anregen und ermutigen, das Gewohnte zu hinterfragen, es auf seine Aktualität hin zu überprüfen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln und es den heutigen Erfordernissen anzupassen. Allen, denen es nicht möglich ist, an einen Gott zu glauben, sollen die Zitate von bekannten und allgemein geachteten Persönlichkeiten zeigen, daß sie sich in guter Gesellschaft befinden. Dies ist nicht unwichtig, da man mancherorts als sogenannter Ungläubiger von vielen in diesem Lande noch immer etwas verächtlich angesehen wird. Gläubigen Menschen wird zugleich Gelegenheit gegeben, ihren Glauben durch kritisches Hinterfragen zu überprüfen und zu festigen. Ein solider Glaube läßt sich bekanntlich nicht erschüttern, da er nicht durch die Autorität von realen oder imaginären Personen, sondern durch die Inhalte von vernunftgemäßen ethischen Aussagen begründet ist. Der tragende Gedanke dieser Arbeit ist Förderung verantwortlicher Menschlichkeit durch Wahrhaftigkeit. Ein Verschweigen diesbezüglicher Einsichten würde damit unterlassener Hilfeleistung gleichkommen.
   Da die beigefügten Zitate in erster Linie ermutigen sollen, wurden auch Zitate aufgenommen, deren Quellen aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausreichend belegt sind. Deshalb werden Hinweise zur Ergänzung und zur Erweiterung der Sammlung für eine Neuauflage gern entgegengenommen. Ebenso sind Anregungen stilistischer und inhaltlicher Art zu den Texten erwünscht.
   Nicht vergessen möchte ich, Dank zu sagen denen, die mir mit ihrer kritischen Durchsicht meines Manuskriptes sehr geholfen haben: Wolfgang Fischer, Ruth Glowatski und Kurt Hamburger.

Rudolf Kuhr
 


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Aktualisiert am 21.05.12