Beispiel
Humanistischer Informationsbrief August 2001
(an 828 Empfänger)

Menschen-Versuche sind nötig!

Versuche an lebenden Menschen sind erforderlich, wenn es zu gesellschaftlichen und weltweiten Verbesserungen in zwischenmenschlichen Bereichen kommen soll. Und zwar ausschließlich Selbstversuche z.B. nach dem Vorbild des Arztes Forßmann mit dem Herzkatheter. Allerdings mit einem wesentlich geringeren Risiko für die Gesundheit.
   Jeder, der versucht die Probleme ganzheitlich zu sehen, wird erkennen, dass die Ursachen für menschenunwürdiges Verhalten bei ethnisch-religiösen Konflikten ihre Wurzeln in irrealen, traditionellen Vorstellungen haben. In Israel/Palästina ist dies einerseits z.B. die Berufung auf einen Gott, der seinen Anhängern ein bestimmtes Land zugesprochen hat. Auf der anderen Seite ist es die Vorstellung vom Paradies, in welches ein Märtyrer gelangt, wenn er sich und andere tötet.
   Dass diese tieferen Ursachen des Gewaltpotentials von den Betroffenen nicht erkannt, kritisiert und überwunden werden, das ist angesichts der Aktualität der Konflikte verständlich. Dass von unserer Seite diese Ursachen verdrängt werden, das ist angesichts der eigenen Bindungen an solche irrealen, traditionellen Vorstellungen zwar auch verständlich, aber nicht zu billigen, weil unverantwortlich, ja unwürdig.
   Hierzu ein Zitat: "Das Hereintragen der alten, zum Teil noch urweltlichen Kultusformen in unsere Zivilisation ist eine monströse Tatsache und die Stellung, welche der Geistliche, dieses europäische Äquivalent des amerikanischen Medizinmannes und afrikanischen Almamy, unter uns einnimmt, ein so insolenter Triumph der Feigheit, Heuchelei und Geistesträgheit über die Wahrheit und Gesinnungsfestigkeit, daß er allein genügen würde, um unsere heutige Kultur als eine durch und durch verlogene, unsere staatlichen und gesellschaftlichen Lebensformen als schlechterdings unhaltbare zu charakterisieren." (Max Nordau: Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit, Leipzig 1883)
   Es ist heute nicht mehr zu verantworten, die Spaltung des Menschen in den einerseits irreal blindgläubigen und andererseits real sachbezogenen beizubehalten. Ebenso ist es nicht mehr verantwortbar, die biologischen Gegebenheiten menschlicher Antriebe länger im Dunkeln zu lassen. Was ist das für eine unwürdige menschliche Kultur, welche die Tatsache, dass die Gewalt fast ausschließlich männlich in Erscheinung tritt, nicht hinterfragt und lediglich soziale Gründe dafür sucht? Hier kommt mir die Passage aus einer Rede unseres Ex-Präsidenten Roman Herzog in den Sinn, der das Bemühen, die Verbrechen der Nationalsozialisten aus der geschichtlichen Erinnerung auszublenden, eine besondere Form intellektueller Feigheit nannte.
   Eine allgemeine Form intellektueller Feigheit ist das Festhalten an traditionellen Mythen als wesentliche Grundlagen unserer, gern als christlich-abendländisch bezeichneten Kultur. Es kann nicht ohne Folgen für das Handeln der Menschen sein, wenn sie schon als Kinder lernen, grundlegende Fragen des Lebens zu verdrängen und fragwürdige Vorstellungen zu glauben. Die Vorhaben von Konfliktvermittlern und Friedensforschern müssen solange reine Symptombehandlung bleiben, wie die Experten eine Einbeziehung der eigenen Person in die Erforschung und Berücksichtigung der tieferen Ursachen von Konflikten vermeiden.
   Im Zuge der Globalisierung wäre es angebracht, den Menschen in seiner Ganzheit in politische Überlegungen mit einzubeziehen. Ganzheitlichkeit und Wahrhaftigkeit würden bedeuten, nicht nur die Bezüge der eigenen Identität sowie die existentielle geistig-emotionale Rückbindung zu berücksichtigen, sondern darüber hinaus auch die Motive des eigenen Denkens und Handelns. Erst ein solches Vorgehen würde zu den Ursachen und zu nachhaltigeren Verbesserungen führen. Alles andere bleibt im Rahmen der bisherigen oberflächlichen und kurzfristigen Lösungen.
   Es braucht heute mutige Menschen, die bereit sind zu Selbstversuchen, um beispielhaft eine durch alle Bereiche der Persönlichkeit gehende Wahrhaftigkeit zu entwickeln als Grundlage innerer Sicherheit. Es braucht Menschen, die versuchen, ihren anerzogenen Glauben an Mythen zu hinterfragen, zu überwinden und stattdessen einen radikal realitätsbezogenen Glauben anzunehmen, der sich an den Möglichkeiten verantwortlichen Menschseins orientiert. Ein Wandel z.B. der christlich-katholischen, -evangelischen, -orthodoxen und sonstigen Kirchen zu humanistischen Kirchen wäre eine epochale, beispielhafte und menschenwürdige Aufgabe.
   Es braucht Menschen, die über ihre ethnische Identifizierung eine alle Menschen vereinende setzen und sich über Deutschtum, Judentum und andere separierende Bekenntnisse hinaus öffentlich zum universalen Menschentum bekennen. Der technischen und wirtschaftlichen Globalisierung muss endlich die menschliche folgen, wenn ein Anspruch auf Menschenwürde aufrechterhalten und der unwürdigen tödlichen Gewaltanwendungen wirksam, das heißt ursächlich begegnet werden soll. Es gilt, ein wahrhaftiges Menschenbild zu erstellen sowie globale ethische Standards z.B. im nachhaltigen Rahmen einer entsprechenden Stiftung. Jeder verantwortungsbewusste Bürger ist zur Mitwirkung und Werbung dafür aufgefordert. Lesen Sie hierzu den kurzen Text "Stiftung Verantwortliche Menschlichkeit &endash; Entwurf und Aufruf".

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Unterstützen Sie eine humanistische Orientierung! Das Bekenntnis
zum Humanismus ist ein entscheidender Schritt zu verantwortlicher
Menschlichkeit!

Freundliche Grüße

Rudolf Kuhr
Humanistische AKTION
August 2001

  


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Aktualisiert am 14.05.12