Altes Brauchtum wiederbelebtNeben Weihnachten ist Ostern für viele eines der wichtigsten allgemeinen Feste im Jahr, schon wegen des zweiten beziehungsweise dritten Feiertages und des damit verbundenen verlängerten Wochenendes. Für nicht wenige erschöpft sich in dem sich daraus ergebenden Kurzurlaub der Sinn der Feiertage. Nachdenkliche Menschen werden sich damit nicht zufrieden geben, weil darin für sie mehr und anderes enthalten ist. In Wörterbüchern ist zu lesen, "Ostern" komme von althochdeutsch "ostara" und wurde schon vor der Christianisierung von den Germanen als Fest der Frühlingsgöttin Ostara oder auch Freya gefeiert, später dann als das Fest der Auferstehung Christi am 1. Sonntag nach dem 1. Frühjahrsvollmond Jahrhunderte hindurch im christlichen Kulturkreis begangen. Osterbräuche, durch die das Osterfest mit germanischen Sitten verknüpft ist, sind beispielsweise das Verschenken und Suchen der Ostereier, die als Lebenssinnbild zu deuten sind und nach Kinderglauben vom Osterhasen gelegt werden, sowie das Schöpfen von Osterwasser am Ostermorgen aus einem Fluß. Dieses soll Gesundheit bringen und schön machen. Auch wurde das Anzünden von Osterfeuern als Schutz der Felder vor Hagel und Verhexung gepflegt. Konservativ ausgerichtete Menschen setzen die gewohnten Bräuche meist ungefragt fort, sie empfinden in ihnen eine, vom Alltag ablenkende, Zugabe zu ihrer sonstigen Lebensweise. Kritische Menschen hinterfragen die Bräuche und lehnen sie nicht selten als überholt ab oder orientieren sich bewußt nur an dem religiösen Gehalt der Osterbotschaft. Als ganzheitliche und global denkende Menschen würden sie sich nicht damit zufrieden geben. Angesichts zunehmender Zerstörung der Natur und unseres gesellschaftlichen Friedens würden sie sich fragen, ob solche altgewohnten Feste bisher diese Entwicklung nicht indirekt unterstützt haben, und ob es nicht an der Zeit sei, Feste wie dieses mit einer zeitgemäßeren Sinngebung zu verbinden, die für alle Menschen begreiflich etwas zur Heilung unserer Welt beitragen könnte. Welches Fest wäre dafür geeigneter als das Osterfest? Roman Herzog sagte als Bundespräsident in einer Rede: Ohne kritischen Einspruch, ohne das Engagement unbequemer Denker verkümmert eine Gesellschaft. Wir brauchen Streit und Widerspruch, wir brauchen die Zumutungen und Fragen unabhängiger Köpfe. Ich mahne zu mehr Verantwortung! Ich rufe auf zu mehr Flexibilität! Alle, wirklich alle Besitzstände müssen auf den Prüfstand. Alle müssen sich bewegen. Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen. Glauben wir wieder an uns selber. Recht hat er! Es ist höchste Zeit, wirksame Veränderungen vorzunehmen, damit Gesellschaft und Natur nicht weiterhin von ethisch blinden oder unmündigen Menschen zugrunde gerichtet werden. Veränderungen müssen in den Köpfen und Herzen beginnen und deshalb alle nur möglichen Ansätze, besonders die zur Besinnung einladenden Anlässe einbeziehen. Ostern weiterhin nur traditionell als Auferstehung des Herrn oder als Auferstehung der Erinnerung an die alten Germanen zu feiern, trägt wenig zur inneren Ausrichtung auf wirksame, not-wendige Veränderungen bei. Und wenn schon die Vergangenheit zur Bewältigung der Gegenwart bemüht werden muß, dann bitte auch die kritische wie beispielsweise diese: Du nennst das Evangelium die göttlichste Wahrheit? Mich würde eine vernehmliche Stimme aus dem Himmel nicht überzeugen, daß das Wasser brennt und das Feuer löscht und ein Weib ohne Mann gebärt und ein Toter aufersteht; vielmehr halte ich dies für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur. In diesem Glauben ist es mir ebenso heftig ernst wie Dir in dem Deinen. (Goethe an Pfarrer Lavater 9.8.1782) ... Offen stehet das Grab. Welch herrlich Wunder, der Herr ist auferstanden! Wer's glaubt! Schelmen, ihr trugt ihn ja weg. So der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Er hatte schon zu seiner Zeit erhebliche Zweifel an mancher Tradition. Was würde wohl Jesus dazu sagen, wie heute bei uns Ostern gefeiert wird? Er würde als Querdenker und Reformer ganz sicher vielen wieder sehr unbequem sein und im Gegensatz zu seiner Zeit heute beispielsweise dem ökologischen Gesichtspunkt großen Wert beimessen.
Die not-wendigen Veränderungen müssen an der Wurzel unserer geistigen
Rückbindung an das Welt-Ganze erfolgen, wenn sie mehr als bisher wirksam
werden sollen. Die viel zu lange tabuisierten religiösen Besitzstände
müssen auf den Prüfstand. Von liebgewordenen kindlich-naiven
religiösen Vorstellungen muß im Interesse von Wahrhaftigkeit und
Verantwortung Abschied genommen werden, um so mehr als man gerade sie
Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart hinein auch für politische
Unterwürfigkeit dienstbar macht. Von der Auferstehung der Natur und
des Menschen wäre zu Ostern in einer neuen Tonart zu sprechen. Die
Auferstehung der Natur sollten wir mehr als bisher wahrnehmen und auch
gefühlsmäßig zu spüren und bewußt zu erleben
versuchen. Dabei wäre unserem Verbundensein mit ihr als einer - meist
viel zu selbstverständlich genutzten - Leben spendenden und Sinn stiftenden
Grundlage unsers Daseins neue Aufmerksamkeit zu schenken. Ein Gedicht von
Hermann Claudius (*1878) war dieser Sicht sehr nahe.
Auch der "Auferstehung" des Menschen und seinen humanen Möglichkeiten gälte ein neues österliches Sprechen. Von der meist viel zu sachbezogenen und fremdbestimmten, oft innerlich gespaltenen Person könnte ihn der Weg hin zur eigenständigen, selbstverantwortlichen, menschheitsorientierten, ganzheitlichen Persönlichkeit führen. Dies wären seine neuen alten Aufgaben.
Aufzuerstehen hätte er
Anstatt unsere Kinder in das Korsett der Vergangenheit zu pressen oder sie in den Konsum- und Konkurrenzwelten allein zu lassen, wäre es sinnvoller und notwendiger, sie so früh wie möglich zu stärken für die Auseinandersetzung mit diesen Zuständen. Sie zu gewinnen für die Mitverantwortung den bestehenden Verhältnissen gegenüber und sie zu ermutigen in der Hoffnung und Vision einer menschenwürdigen Welt. Anstatt uns und unsere Kinder durch separierende religiöse, ethnische, kulturelle oder sonstige Bekenntnisse von anderen Menschen abzuspalten, wäre es heilsamer, uns offen zum alle Menschen dieser einen Welt vereinenden universellen Menschentum, zum Humanismus als ethische Orientierung zu bekennen. Nicht um die eigenen Kulturen abzulehnen, sondern um sie weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu machen. Eine zu wagende neue frohe Oster-Botschaft könnte lauten:
sich immer wieder erneuernden, wundervollen Natur. - Alle Menschen werden Brüder und Schwestern, sie gehören gleichberechtigt zur einen großen Menschheits-Familie.
b) Weihnachten - feiern oder ignorieren? Für viele Menschen - vermutlich für die meisten - ist Weihnachten ein Höhepunkt des Jahres, aus welchen Gründen auch immer, aus privaten oder geschäftlichen, aus ideellen oder materiellen, oder aus beiden. Für nicht wenige löst Weihnachten gemischte, eher peinliche Gefühle aus. Für einige hat Weihnachten überhaupt keine Bedeutung oder sogar eine rein negative, diese haben oftmals dafür nur noch Hohn und Spott übrig und veranstalten eine Jahresabschlußfeier (zu der auch die Lebensabschnittspartner mitgebracht werden dürfen) oder sie feiern gar eine Anti-Weihnachts-Party. Andere feiern Weihnachten im althergebrachten heidnischen Sinn als Lichtfest, als Fest der Winter-Sonnenwende, die die Tage wieder länger werden läßt und das Licht zurückbringt. Der Grund für diese unterschiedlichen Einstellungen zu diesem Ereignis ist wahrscheinlich dessen unterschiedliche inhaltliche Auslegung und äußere Gestaltung sowie die unterschiedliche Entwicklung der ethischen Orientierung der einzelnen Menschen. Sinnentstellung durch konfessionelle Institutionen, Sinnentleerung durch kommerzielle Inanspruchnahme sowie Mißbrauch zu Erziehungszwecken und Verkitschung haben das Weihnachtsfest für viele in Frage gestellt. Bei Umfragen können heute die meisten weder die christliche, noch die ursprüngliche Bedeutung erklären. Wörterbüchern ist zu entnehmen: Weihnachten kommt von ze den wihen nahten, zu den heiligen Nächten, dem Winterfest der Germanen vom 26. Dezember bis 6. Januar. Das christliche Weihnachtsfest wurde als Fest der Geburt Christi im Morgenland erst am 6. Januar gefeiert; seit 354, zuerst in Rom, am 25. Dezember an Stelle des heidnischen Festes der Sonnenwende, des "Sol invictus" als welcher z.B. auch Mithras bezeichnet wurde. Mithra oder Mithras war eine altpersische Gottheit, ein Lichtgott (sol invictus, unbesiegte Sonne); Beschützer der Wahrheit und des Rechts. Sein Kultus (Mithraismus) verbreitete sich seit dem 1. Jahrhundert über das ganze römische Reich, erlag aber dann dem christlichen Jesuskult, der ihm außerordentlich ähnlich war (Taufe, Konfirmation, Abendmahl, Trinitatislehre, der 25. Dezember als Geburtstag des Mithras, der ihm geweihte Sonntag). Kultstätten (Mithräen) gab es auch in Deutschland, bei Frankfurt und Heidelberg. Ursprünglich war Weihnachten also ein altes naturbezogenes Fest unserer Vorfahren. Es bezog sich auf die geweihten Nächte der Wintersonnenwende. Es waren die längsten Nächte und die kürzesten Tage des Jahres. Mit der Christianisierung unserer Vorfahren und der damit verbundenen Christianisierung ihrer heidnischen Feste wandelten die Missionare auch das Weihnachtsfest zum Fest der Geburt von Jesus, dem Christus. Das kann aufgeklärte Menschen aber nicht davon abhalten, den alten Brauch mit altem Namen weiterhin zu pflegen oder wieder erneut aufzugreifen und die Tage der längsten Nächte der Besinnung auf die uns tragende Natur zu weihen oder zu widmen. Gerade in unserer technisierten, naturfeindlichen Zeit bietet es sich an, diesen Höhepunkt des Jahres in seinem ursprünglichen wirklichkeitsnahen Sinngehalt festlich zu begehen. Besonders für Kinder ist es wichtig, eine vernünftige Sinngebung mit einem realen Bezug zu haben, die keine Zweifel und gemischten Gefühle aufkommen läßt. Die Bedeutung des Weihnachtsfestes wird tiefer werden, wenn die damit verbundenen Äußerlichkeiten nicht den Hauptzweck ausmachen, sondern lediglich zur Einstimmung auf die innere Einkehr, die Besinnung auf die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur und auf die Notwendigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen anregen. Dies läßt sich beispielsweise dadurch fördern, daß bei weihnachtlichem Schmuck auf elektrische Kerzen, Lametta, Glas- und Kunststoffkugeln und -figuren und sonstigen Flimmer verzichtet wird und statt dessen Kerzen aus duftendem Bienenwachs, Tannen- und Kiefernzapfen, Äpfel, Nüsse und Strohsterne verwendet werden. Die vielfach meist noch immer im Vordergrund stehenden materiellen Geschenke könnten reduziert und wenn möglich ganz vermieden werden, zumindest unter Erwachsenen. Am heiligen Abend kann man, nach Möglichkeit zusammen mit Freunden, einen Abendspaziergang durch die, zu dieser Zeit meist schweigende und hin und wieder auch weiße Natur machen. Wenn Kinder dabei sind, wird es für diese ein großes Erlebnis sein, wenn jemand heimlich vorausgeht und an einem kleinen Baum einige Kerzen anzündet. Für größere Kinder und Jugendliche wird ein Sonnwendfeuer das Richtige sein. Gemeinsam vor dem Lichterbaum oder Feuer können dann Weihnachts- oder Winterlieder gesungen werden. Die Weihnachtstage bieten beste Gelegenheit zur Besinnung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Verbundenheit von Mensch und Natur. Mit den Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest kann bereits Anfang Dezember begonnen werden, wenn es früher dunkel wird. Zusammen mit Kindern basteln, backen und bei Kerzenschein und Glühwein oder Tee Lieder einüben hinterläßt tiefe, nachhaltige Eindrücke. Reichlich Stoff für eine neuzeitliche Feiergestaltung ohne Anlehnung an etablierte Konfessionen und überholte Traditionen bieten folgende Werke:
(Hinweise auf weitere Literatur- und Tonträger sind willkommen.)
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Aktualisiert am 23.12.09