Mit Freu(n)den älterwerden!

Gedanken zu einem Gesprächskreis
 

Überalterung und Isolierung in unserer Gesellschaft nehmen zu. Von der Politik ist wenig an Hilfe bezüglich der dadurch entstehenden Probleme zu erwarten. Selbsthilfe und Eigeninitiative sind deshalb besonders auch auf diesem Gebiet des Lebens im mittleren und späteren Alter angesagt.

Wir wollen gemeinsam mit aufgeschlossenen Menschen einer möglichen Vereinzelung und Vereinsamung sowie drohendem Sinnverlust im Alter rechtzeitig vorbeugen. Dies soll geschehen durch bewußte Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen; Besinnung auf das Wesentliche im Leben; Übung in Kommunikation und Achtsamkeit; Bearbeiten von persönlichen Problemen; bei entsprechender Fähigkeit und Lust Singen und Musizieren sowie andere Aktivitäten; Fantasieren über Visionen möglicher neuer Wohnformen, auch im konkreten Kontakt mit bestehenden Wohngenossenschaften.

Im Vordergrund stehen weniger die Probleme des Älterwerdens, als vielmehr dessen Vorteile und Chancen. Sie bieten ein Wachstum an Menschlichkeit zur sinnvollen Lebensgestaltung in gegenseitiger Ergänzung von Jung und Alt im Einklang mit unserer Mitwelt. 

Gemeinsam wohnen
sorgfältig planen - sinnerfüllt leben


Interesse an Wohnprojekten besteht schon seit Jahren und scheint derzeit immer mehr zuzunehmen. Bereits länger bestehende Projekte sind jedoch weniger bekannt. Als Grund für das Scheitern von Versuchen und für das gar nicht erst Zustandekommen werden meist Probleme im zwischenmenschlichen Bereich genannt. Es wäre deshalb wohl sinnvoll, bei der Planung von Wohnprojekten den menschlichen Bereich dem materiellen mindestens gleich-, wenn nicht voranzustellen.

Das Interesse am gemeinsamen Wohnen hat viele verschiedene Beweggründe und es bestehen sehr unterschiedliche Vorstellungen:

  • Motivation: Angst vor Einsamkeit, Bedürfnis nach Sicherheit, Entfaltung, sinnvolles Leben

  • Wohnform: Wohngemeinschaft, Hausgemeinschaft, Siedlung

  • Gegend: Stadt, Stadtrand, Land, Ausland

  • Finanzierung: Eigentum, Miete, Genossenschaft

  • Altersstruktur: Alte, alt und jung, Erwachsene und Kinder

  • Sozialstruktur: Alleinlebende, gemischt mit Paaren und Familien

  • Sonstiges: ökologische, weltanschauliche, politische Richtungen, ethnische, geschlechtliche, ernährungs-, gesundheitsmäßige Einstellungen (z.B. vegetarisch, Nichtraucher), andere Orientierungen und Wünsche, (z.B. Sauna, Tierhaltung usw.).

An diesen Vorstellungen und Möglichkeiten wird deutlich, wie schwierig es ist, alle Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Je mehr hier vorher abgestimmt werden kann, um so weniger können später Enttäuschungen entstehen. Vorteile und Nachteile sollten sorgfältig angeschaut, diskutiert und gegeneinander abgewogen werden.

Oftmals stehen nur wenige Kriterien im Vordergrund und die Gründe für das Interesse an einem Wohnprojekt sind nicht immer voll bewußt, z.B. die Angst vorm Alleinsein oder die Sehnsucht nach der Natur, wie bei dem Wunsch nach einem Wohnprojekt auf dem Land. Besteht der Wunsch nach Gemeinschaft aus einem aktuellen gefühlsmäßigen Bedürfnis heraus oder aus einer grundsätzlichen Überlegung? Was ist wichtiger, das angestrebte Objekt oder die menschliche Gemeinschaft? Um hier leichter eine Lösung zu finden, ist es angebracht, nach dem Sinn des Ganzen zu fragen: Was will ich mit dem Wohnprojekt erreichen?

Jeder möchte wohl zunächst einmal angenehmer leben. Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn alle bereit sind, möglichst gleich viel dazu beizutragen. In der Praxis sind auf jeden Fall die Menschen wichtiger als die materiellen Gegebenheiten, das hat sich sehr oft bei solchen Projekten herausgestellt.

Um die Bedeutung des menschlichen Gesichtspunktes deutlicher zu machen, soll hier einmal das Wohnprojekt mit einer Musikgruppe verglichen werden. Eine Musikgruppe hat das vorgegebene Ziel, Musik zu machen. Dazu braucht sie einerseits geeignete Instrumente und andererseits Menschen, die fähig und bereit sind, zusammenzuarbeiten, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Es ist demnach wichtig, daß nicht nur jeder sich sein Lieblingsinstrument aussucht, sondern vorher mit allen anderen abstimmt, welche Art der Musik angestrebt wird.

Ähnlich ist es mit einem Wohnprojekt. Hier wäre es sinnvoll, vor den materiellen Objekten die spätere Art des Zusammenlebens zu diskutieren und vielleicht auch ansatzweise zu üben, zumindest aber beides parallel zu behandeln. Ähnlich wie in der Musik, wo es Unterschiede zwischen gefühlsbetonter, verstandesbetonter oder ausgewogener Musik gibt, z.B. Unterhaltungsmusik, atonale oder klassische Musik, so kann es bei den Wohnprojekten z.B. betreute, chaotische oder organische Wohnformen geben. Dem Ideal menschlicher Gemeinschaft würde wohl eine organische Wohnform, bestehend aus verschiedenen Altersstufen entsprechen.

In der Musik wird sehr schnell erkennbar, wenn das Ergebnis des gemeinsamen Wirkens nicht stimmt, und eine Korrektur ist entweder aufgrund der vorhandenen Noten oder durch das Gefühl für Harmonie verhältnismäßig leicht möglich. In einer Gemeinschaft ist dies wesentlich schwieriger. Hier muß sowohl ein klares Konzept bewußt sein, als auch genügend Einfühlungsvermögen zur bewußten Wahrnehmung des eigenen Befindens und dem der anderen in der Gruppe. Über eine selbstverständliche Toleranz hinaus ist auch noch Verbundenheit sowie Fähigkeit und Bereitschaft zur Kooperation und Konfliktbewältigung nötig.

Um einem Scheitern vorzubeugen, ist es sinnvoll, Klarheit über die Struktur des Wohnprojektes und über die daran beiteiligten Kräfte und deren individuell unterschiedliche oder übereinstimmende Interessen zu haben. Die Struktur besteht grundsätzlich aus der einzelnen Person (Ich), der Gruppe (Wir) und dem gemeinsamen Ziel bzw. der gemeinsamen Aufgabe (Es).

Es

/          \

Ich       -       Wir

Wenn ein Wohnprojekt gut funktionieren soll, dann ist es wichtig, die Interessen der drei Bereiche klar zu erkennen, und immer wieder ein Gleichgewicht zwischen diesen drei Bereichen zu halten bzw. wieder herzustellen. Dies ist eine ständige Aufgabe, die, mit einer positiven Einstellung dazu betrieben, Freude machen und zu einer persönlichen Weiterentwicklung führen kann.

Vielleicht wird durch diese Darstellung deutlich, daß es nicht ausreicht, über das materielle Objekt, das Haus oder die Siedlung nachzudenken und zu diskutieren, sondern die Wichtigkeit des menschlichen Gesichtspunktes zu erkennen und zu berücksichtigen. Das materielle Objekt kann nur ein Teil der eigentlichen, wesentlicheren Aufgabe, also der menschlichen Gemeinschaft sein, wenn diese alle Beteiligten langfristig zufriedenstellen soll. Um neue Interessenten anzusprechen und zu gewinnen, und um vielleicht nebenbei auch eine politische Wirkung zu erzielen, ist es sicher nicht verkehrt, bereits im Stadium der Planung durch eingehende Beschäftigung mit den menschlichen Gesichtspunkten eine gewisse Kompetenz und Gesprächskultur zu erarbeiten.

Ein Austausch und Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und auch Fachleuten wird angestrebt, ebenso nach Möglichkeit eine Mitgestaltung der Gesellschaft durch eigene Beispiele und Modelle sowie Beiträge an die Medien.

Interessenten an einem Gedankenaustausch zu diesem Thema und vielleicht auch an einem späteren, möglichen Projekt werden um eine kurze Darstellung ihrer Vorstellungen gebeten.

 


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 Aktualisiert am 14.02.09