Ein Humanist ist nicht konfessionslos

Leserbrief zu "Humanistische Lebensauffassungen" in "diesseits" 2/2009

In dem Artikel über Werte und Ideale hieß es u. a.: "wir sind nicht religiös" sowie "ein gültiges Regelwerk dürfe man nicht erwarten, Dogmen, Lehrsätze und Sprachregelungen seien den Humanisten fremd". Hier klingt noch der alte abgrenzende Geist der Freidenker an, der - nicht zu Ende denkend - in dem Glauben beharrt, mit der Ablehnung von Worthülsen wie "religiös" gleichzeitig auch deren missliebige Inhalte beseitigen zu können (siehe "Religionsfreie Zone" und "glaubst du noch oder denkst du schon?"). Womit immer wieder die alte Sprachregelung verstärkt wird, nach der Religion nur mit einem jenseitigen Gott zu denken ist, was eine inhaltliche Aufklärung und Weiterentwicklung in diesen Bereichen eher behindert als fördert.
   Ein Humanist hat es nicht nötig, seine Identität durch Abgrenzungen zu sichern und wird eine neue, kritische und zugleich verbindlichere Auseinandersetzung mit seinen andersdenkenden Mitmenschen anstreben. Dazu braucht er neben Fairness auch anschauliche, überzeugende und durch wiederholten Gebrauch verinnerlichte Argumente zur inhaltlichen Darstellung der eigenen alternativen Angebote. Anstatt einem ernsthaften Gesprächspartner seinen Gott für nichtexistent zu erklären, wird er fragen: "Was verstehst du unter Gott?" und als seinen eigenen höchsten Wert "verantwortliche Menschlichkeit" gegenüberstellen und diesen erläutern. So könnte aus einem bisher oft oberflächlichen Schlagabtausch endlich ein differenzierterer Dialog über alte und neue Begriffe und Inhalte ethischer Orientierungen entstehen.
   Was heißt denn eigentlich "nicht religiös"? Es heißt "nicht rückbindend". Ein praktizierender Humanist aber bindet sich geistig und emotional zurück z. B. an den Grund-, Lehr- oder Leitsatz oder -gedanken: "Humanismus ist ein Denken und Handeln, das sich an der Würde des Menschen orientiert und dem Ziel menschenwürdiger Lebensverhältnisse dient."
   Aus diesem Leit- oder Grundgedanken kann er alles weitere entnehmen und entwickeln, was für eine Begriffsbestimmung des Humanismus als ethische Orientierung sowie für das entsprechende Umsetzen dieses Bekenntnisses erforderlich ist.
   Mit diesem ausdrücklichen Bekenntnis ist ein Humanist auch nicht konfessionslos und tritt seinem inhaltlichen Anspruch entsprechend in dieser seiner Gesellschaft - und auch global gültig - als Alternative deutlicher in Erscheinung. Bei einem Prozentsatz von etwa 0,12 der Bevölkerung gegenüber etwa 30% Konfessionsloser ist das besonders wichtig. Er ist auch kein Ungläubiger, weil er sagen kann: "Wenn es heute einen Glauben gibt, der vertretbar ist, dann ist es der Glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial und ökologisch handelnden, mündigen Gemeinschaftswesen und daran, dass die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur." Ohne diesen vernünftigen Glauben ist Stabilität und Weiterentwicklung in einer demokratischen Kultur schwer möglich.
   Ein weiterer wichtiger Leitgedanke für Humanisten lautet: "Mündigkeit bedeutet mehr als nur Volljährigkeit. Mündigkeit heißt, eine kritische Distanz nicht nur zu seiner Mitwelt, sondern auch zu sich selbst zu haben, für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mitverantwortlich sein zu können und zu wollen." Dieser Lehrsatz ermöglicht bzw. erleichtert es, hinter die eigenen, ganz persönlichen Antriebe und auch Widerstände des Handelns zu schauen.
   Die Fußnote zu dem o.a. Artikel besagt, dass dieser Text aus einer NDR-Radiosendung des Humanistischen Verbandes Niedersachsen entstand. Hierin hieß es u.a.: "... einen gemeinsamen Sinn des Lebens, wie ihn die Religion vorgibt, erkennen sie nicht an. Nach humanistischem Selbstverständnis muss jeder Mensch seinem eigenen Leben einen Sinn geben." Ich denke, dass hier bei dieser grundsätzlichen philosophischen Frage aller Fragen durchaus ein konkreterer und zugleich allgemeingültiger Grundsatz formuliert werden kann und gerade von Humanisten angeboten werden sollte, nämlich: "Sinn unseres Lebens ist größtmögliche Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit in größtmöglicher Harmonie und Verbundenheit zu unserer Mitwelt."

Rudolf Kuhr, www.humanistische-aktion.de

 


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Aktualisiert am 16.05.12