Philosophieren mit Kindern

Überforderung oder Sucht-Prävention?

 
Entwicklungs-Chance der Gesellschaft

Nie zuvor verfügte die Menschheit in den entwickelten Ländern über derartige Möglichkeiten zu einer sinnvollen Lebensgestaltung wie heute. Die technische Entwicklung schreitet noch immer unaufhaltsam fort. Ideologien und Heilslehren religiöser und weltlicher Art werden seit Jahrzehnten, Jahrhunderten und Jahrtausenden vermittelt, verinnerlicht und auch angewandt. Und trotzdem nimmt die Gewalt gegenüber Mensch und Natur immer noch zu. Fast alle gewaltsamen Konflikte sind religiös-konfessionell motiviert. Hinzu kommt die weltliche Ideologie des Ungerechtigkeit schaffenden und vergrößernden Geldsystems. Noch heute werden von Ölkonzernen christliche Missionare unterstützt, um Bohrrechte zu erschleichen. Hier werden mit Hilfe diesseitig und jenseitig orientierter Ideologien zugleich Menschen und Natur zerstört, von religiös-konfessionellen und technisch-wirtschaftlich, jedoch nicht menschlich gebildeten Menschen.

Vergleichsweise verhält sich die Menschheit wie ein Bakterienstamm, der sich solange vermehrt, bis seine Lebensgrundlagen zerstört sind. Ist das der Sinn einer Schöpfung? Ja, es wäre denkbar, und der Natur entsprechend, also natürlich, denn der Mensch ist und bleibt ein Teil der Natur. Es fragt sich nur, ob wir es als unserer Art würdig erachten, mit dem Verantwortungsbewußtsein  eines Bakterienstammes zu leben. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, die Bildung des Menschen mehr auf den Menschen selbst auszurichten, anstatt auf außerhalb seiner Person liegende Ziele. Das ist zwar unbequem, aber es wäre sinnvoll und not-wendig.

'Krise der Demokratie?' lautete der Themenvorschlag einer Zeitschrift an ihre Autoren. - Wie weit haben wir überhaupt eine Demokratie? Ist sie nicht noch immer mehr Theorie als Praxis? Demokratie heißt Volksherrschaft. Wie sieht es damit aus? Herrscht wirklich das Volk oder läßt es sich in Wirklichkeit nicht von wenigen führen, beherrschen und ausbeuten? Wenn ein Teil des Volkes alle vier Jahre einigen Menschen die Vollmacht gibt, für sie zu handeln, ist das schon Demokratie? Im Grunde unterscheidet sich unsere Gesellschaft mehr von der Form als vom Inhalt her vom Feudalsystem. Wie frei und selbstbestimmt kann heute die Masse der Erwerbstätigen leben?

Die Zunahme der Forderung nach Volksabstimmungen ist ein Zeichen für das Erwachen eines verstärkten demokratischen Bewußtseins. Die Ergebnisse solcher Abstimmungen sind mitunter bereits von der Teilnahme her enttäuschend. - Was nützen die schönsten Rechte, wenn sie nicht ausreichend wahrgenommen werden? Gesetze und Freiheiten bedeuten wenig, wenn es an den nötigen Fähigkeiten fehlt, sie zu nutzen. Eine Krise der Demokratie ist also eher eine Krise der Demokratie-Fähigkeit oder der Mündigkeit ihrer Bürger. Diese Krise kann man beschreiben, bestätigen, beklagen oder auch beseitigen helfen.

Eine von vielen Möglichkeiten ist das Philosophieren mit Kindern.

Es gibt eine Phase in der Entwicklung des Menschen, in der die Wahrnehmung der eigenen Unfähigkeiten noch nicht als bedrohlich empfunden wird, und das ist die Kindheit. Hier besteht noch die Chance einer heilen Entwicklung, wenn darauf verzichtet würde, aus Bequemlichkeit geistige Heilmittel in Form von religiösen und anderen seelischen Drogen zu verabreichen und stattdessen die Bildung von körpereigenen Sicherheiten und Abwehrkräften zu fördern. Ein solcher Weg zur Entfaltung innerer Stabilität und inneren Friedens als Voraussetzung äußeren Friedens wäre das Philosophieren mit Kindern. Hier bestünde die Möglichkeit, Kindern die nach internationalem Menschenrecht zustehende freie Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen, anstatt sie frühzeitig nach den - immer doch in erster Linie egoistischen - Wünschen der bequemen und meist einseitig festgelegten Erwachsenen zu konditionieren.

Seit etlichen Jahren schon betreiben Fachleute aus den Bereichen der Pädagogik im In- und Ausland das Philosophieren mit Kindern bereits ab dem Grundschulalter. Inzwischen gibt es hierzu umfangreiche Literatur sowie entsprechende Seminare und Kurse für Pädagogen und Eltern. Dies ist jedoch in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt. - Aber: Kann und soll schon mit Kindern Philosophie betrieben werden? Überfordert man sie damit nicht? Ist Philosophie nicht eher etwas für Erwachsene oder zumindest für Jugendliche? Selbst der Weltbestseller 'Sofies Welt', der in vergnüglicher Weise die Geschichte der Philosophie erzählt, wendet sich nach Angaben des Autors Jostein Gaarder an Erwachsene ab 14 Jahren.

Es kommt wohl sehr darauf an, was unter Philosophie verstanden und wie sie angewendet wird. Vom Begriff her heißt Philosophie (griech. philosophia) so viel wie Liebe zur Weisheit oder Freund der Einsicht (von griech. philia, Liebe - oder philos, Freund -, und sophia, Tüchtigkeit, Einsicht, Weisheit). Eine allgemein anerkannte Definition des Wortes Philosophie gibt es nicht. Philosophie läßt sich einerseits als Lehre oder Theorie, andererseits als die besondere Lebensweise oder Tätigkeit des Philosophierenden auffassen.

Was Philosophie für Philosophen selbst bedeutet, wird von diesen in verschiedenster Weise bestimmt. Nach Heraklit ist sie das Forschen nach der Natur der Dinge, nach Platon die Erkenntnis des Seienden oder des Ewigen und Unvergänglichen, nach Aristoteles die Untersuchung der Ursache und Prinzipien der Dinge. Die Stoiker beschreiben die Philosophie als das Streben nach theoretischer und praktischer Tüchtigkeit, die Epikureer als das Vermögen, durch Vernunft glücklich zu werden. Für den Philosophen Christian Wolff ist sie die Wissenschaft aller möglichen Dinge, wie und warum sie möglich sind. Im Mittelalter wird die Philosophie - als Alternative zur Theologie - zur Weltweisheit, deren Organ das natürliche Licht der Vernunft ist, während jene ihre höheren Wahrheiten durch Offenbarung erlangt. Das wahre Buch der Philosophie ist nach Galileo Galilei das Buch der Natur, das stets aufgeschlagen vor uns liegt.

Da die Philosophie - wie auch andere Gebiete, z.B. Religion und Kunst - viel zu oft von Fachleuten und von Laien zum Selbstzweck gemacht wird, das heißt zum Broterwerb, zur Unterhaltung oder auch zur Droge, anstatt sie auszuüben (Der Philosoph ist ein Mensch, der nicht glauben will, was er sieht, weil er zu sehr damit beschäftigt ist, darüber nachzudenken, was er nicht sieht.  Bernard Fontenelle), sei hier noch einmal an den eigentlichen Zweck derselben erinnert, nämlich an die Liebe zur Weisheit: Nicht im abstrakten Wissen, sondern in der richtigen und tiefen anschaulichen Auffassung der Welt liegt die Quelle wahrer Weisheit. ... Weisheit ist die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge, im ganzen und allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, daß sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun überall leitet, so Arthur Schopenhauer. Weisheit, theoretisch betrachtet, ist die Erkenntnis des höchsten Gutes und praktisch die Angemessenheit des Willens zum höchsten Gut (Kant). Im Gegensatz zur Klugheit läßt sich die Weisheit in ihren Zwecken von hohen weiten Ideen bestimmen, nicht durch die äußeren Umstände und die Forderungen des Augenblicks; im Gegensatz zur Torheit wählt sie zur Erreichung ihrer Zwecke die geeigneten Mittel.

Der Weg zur Weisheit, wenn er gesichert und nicht ungangbar oder irreleitend sein soll, muß bei uns Menschen unvermeidlich durch die Wissenschaft gehen, so Immanuel Kant, wobei er wohl nicht unbedingt die professionelle Wissenschaft meinte, denn er sagte sehr pragmatisch: Man kann keine Philosophie, wohl aber philosophieren lernen.  Diese Aussage kennzeichnet Wesentliches und eröffnet das Verständnis für das Philosophieren mit Kindern. - Heute kommt es in Anbetracht zunehmender Information mehr denn je darauf an, selbständig zu denken und zu hinterfragen, anstatt bereits Gedachtes auswendig zu lernen, denn es fällt uns immer schwerer, das inzwischen erreichte, in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß vorhandene kollektive Wissens und Können sinnvoll und verantwortlich anzuwenden.

Albert Schweitzer sagte einmal: Wahrhaftigkeit ist das Fundament des geistigen Lebens. Durch seine Geringschätzung des Denkens hat unser Geschlecht den Sinn für Wahrhaftigkeit und mit ihm auch den für Wahrheit verloren. Darum ist ihm nur dadurch zu helfen, daß man es wieder auf den Weg des Denkens bringt. Es wird unbegreiflich bleiben, daß unser durch Errungenschaften des Wissens und Könnens so groß gewordenes Geschlecht so herunterkommen konnte, auf das Denken zu verzichten.

Die Philosophie gab den Zusammenhang mit dem im Menschen natürlich vorhandenen Suchen nach Weltanschauung preis und wurde zu einer Wissenschaft von der Geschichte der Philosophie. Das geistige und materielle Elend, dem sich unsere Menschheit durch den Verzicht auf das Denken und die aus dem Denken kommenden Ideale ausliefert, stelle ich mir in seiner ganzen Größe vor. Als unverlierbaren Kinderglauben habe ich mir den an die Wahrheit bewahrt.

Ich bin der Zuversicht, daß der aus Wahrheit kommende Geist stärker ist als die Macht der Verhältnisse. Finde ich Menschen, die sich gegen den Geist der Gedankenlosigkeit auflehnen und als Persönlichkeiten lauter und tief genug sind, daß die Ideale ethischen Fortschritts als Kraft von ihnen ausgehen können, so hebt ein Wirken des Geistes an, das vermögend ist, eine neue Gesittung in der Menschheit hervorzubringen.

Weil ich an die Kraft des Geistes und der Wahrheit vertraue, glaube ich an die Zukunft der Menschheit.

In unserer Zeit zunehmender Krisen durch menschliches Versagen, einer allgemeinen Desorientierung und Orientierungslosigkeit und einem immer deutlicher werdenden Verlust an Menschlichkeit erscheint es sinnvoll und not-wendig, mehr als bisher eine innere Stabilisierung des Menschen zu fördern und neben dem obligaten Wirtschaftswachstum auch ein Wachstum an Menschlichkeit anzustreben. Hierzu könnte das Philosophieren mit Kindern ganz sicher grundlegend beitragen. Es könnte dazu beitragen, den durch die Medien unterstützten gesellschaftlichen Einfluß zur Ablenkung vom Wesentlichen, zur Entfremdung von sich selbst und von der Natur durch immer mehr Konsum, Mobilität, Action und Unterhaltung zu verringern.

Friedrich von Schiller sagte sinngemäß: Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor. Es ist in dir, du bringst es ewig hervor. - Es kann gar nicht früh genug damit begonnen werden, diese Erkenntnis von der Bedeutung innerer Werte und Fähigkeiten in den Kindern entstehen zu lassen, doch leider wird dies bisher weitgehend versäumt. Kinder werden in den verschiedensten Bereichen immer wieder angehalten, sich vorwiegend nach außen zu orientieren und an das Bestehende anzupassen, statt ihre Eigenständigkeit und Kreativität zu fördern. Zu diesem Problem hat Albert Einstein gesagt: Was uns der Erfindergeist der Menschen in den letzten hundert Jahren geschenkt hat, vermöchte das Leben sorglos und glücklich zu gestalten, wenn die organisatorische Entwicklung mit der technischen hätte Schritt halten können. So aber nimmt sich das mühsam Errungene in der Hand unserer Generation aus wie ein Rasiermesser in der Hand eines dreijährigen Kindes. Der Besitz von wunderbaren Produktionsmitteln brachte nicht Freiheit, sondern Sorge und Hunger. ... Der Widerstand gegen den unbedingt notwendigen Fortschritt liegt in unglücklichen Traditionen der Völker, die durch den Erziehungsapparat wie eine Erbkrankheit von Generation zu Generation fortgeschleppt werden. - Karl Jaspers meinte: Es ist, als ob wir mit den Jahren in das Gefängnis von Konventionen und Meinungen, der Verdeckungen und Unbefragtheiten eintreten, wobei wir die Unbefangenheit des Kindes verlieren.

Der Naturwissenschaftler H.J. Campbell äußerte: ... einer der Wege, die zum w a h r e n Menschsein führen, besteht in dem Bemühen, aus der Anerkennung der Wahrheit Lust zu schöpfen anstatt aus dem Glauben an schöne, aber falsche Vorstellungen. Man muß sich von Vorurteilen, seien sie nun idealistischer oder religiöser Art, zu seinem eigenen Wohle, zum Wohle unserer Kinder und zum Wohle unserer Mitmenschen befreien. ... Religiöse Richtlinien des Handelns, Anweisungen, wie die besondere Form menschlichen Verhaltens aussehen muß, sind alle als Gewißheiten formuliert und den verschiedensten Offenbarungen entnommen - heiligen Schriften, Visionen und Wundern. Die Frage nach der Richtigkeit erhebt sich, im Gegensatz zur Wissenschaft, nicht, und es wird keine Bestätigung durch Beobachtung und Tatsachenvergleich verlangt. ... Es ist ja wohl tatsächlich so, daß die überwiegende Mehrzahl der Christen Kinder von Christen sind, und dasselbe gilt für die Anhänger anderer Religionen, für Juden, Moslems, Hindus, Buddhisten und sogar für die "Unterabteilungen" der Religionen, für Katholiken, Protestanten, Anglikaner, Mormonen, die Zeugen Jehovas, Baptisten und alle anderen. Es ist der unumstößliche Beweis dafür, daß fast alle Gläubigen die religiösen Ansichten übernommen haben, die ihnen ihre Eltern und die von ihren Eltern ausgewählten Priester beibrachten. Bei so vielen zur Auswahl stehenden Religionssystemen würde genau der entgegengesetzte Effekt zu erwarten sein, wenn sich jeder einzelne mit Hilfe seiner eigenen Vernunft für eine der Religionen entschiede. Die unaufhörlichen Wiederholungen der verkündeten "Wahrheiten", die ständigen Behauptungen, der Glaube sei ein gerechtfertigter Ersatz für Wissen, die wiederholten Aufforderungen zur Buße und die Drohungen mit schrecklicher Vergeltung auf Erden oder nach dem Tode, die fortwährende Betonung der Feindseligkeit gegenüber anderen Glaubenssystemen: Das alles kennzeichnet den langsamen Prozeß der Einpflanzung von Glaubensmeinungen, der gewöhnlich als Gehirnwäsche bezeichnet wird.

Indem wir Kinder frühzeitig dazu anhalten, selbständig zu denken, Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen, können wir durchaus einen wichtigen Beitrag zur Prävention bezüglich materieller und auch geistiger Drogen sowie physischer und psychischer Gewalt leisten. Mit einem für Kinder erarbeiteten Zugang zum Philosophieren ergibt sich die große Chance, von der Basis her mehr Echtheit, Identität und innere Stabilität in den heranwachsenden Menschen entstehen zu lassen, um dadurch mehr Gerechtigkeit, Frieden und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft und Verbundenheit zur Natur zu entwickeln.

Das Zurückbleiben der traditionellen Konfessionen hinter der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung und das daraus resultierende Defizit an innerer Stabilisierung der Menschen ist ein wesentlicher Grund für den verstärkten Erfolg von Sekten, esoterischen und okkulten Gruppierungen. Es wäre zu wünschen, daß sich nach einer allgemeinen Einführung des Philosophierens mit Kindern bald auch andere wichtige Einzelwissenschaften wie Psychologie und Soziologie für Kinder öffnen würden. Das würde nicht nur für die hier behandelte neue Zielgruppe nützlich sein, sondern könnte auch den Wissenschaftlern selbst dabei helfen, sich nicht zu sehr auf die Symptombehandlung (Krankheiten, Konflikte) zu konzentrieren und in ihrem Elfenbeinturm zu verlieren. Jeder, der sich für seine Mitwelt mitverantwortlich fühlt, kann auf seine Weise dazu beitragen, durch entsprechendes Bekanntmachen, Anregen und Unterstützen des Philosophierens mit Kindern ein Wachstum an Menschlichkeit in unserer Gesellschaft zu fördern.

 


weiter   -   zurück zum Inhaltsverzeichnis   -   nach oben

www.wachstum-an-menschlichkeit.de/

Aktualisiert am 14.02.09