Die 10 Gebote als ethische Grundlage?

Sind sie wirklich heute noch aktuell und richtungsweisend?
 

Die Konflikte zwischen den Menschen und die Zerstörung der Natur nehmen weltweit zu. In unserem christlich-abendländisch geprägten Europa ist es, nach all den schrecklichen Ereignissen der Geschichte, auch heute noch möglich, daß es beispielsweise in Irland und im ehemaligen Jugoslawien zu Bürgerkriegen zwischen Christen verschiedener Konfessionen kommt. Wie kann das trotz der langen, christlichen Tradition geschehen? Hat die christliche Lehre versagt, oder ist sie gar Ursache der Misere, indem sie vielleicht tief im Inneren des Menschen mehr Unfrieden als Heil stiftet? Hat die Entwicklung des Glaubens mit der allgemeinen Entwicklung der Gesellschaft nicht Schritt gehalten? Hat überhaupt eine grundsätzliche Entwicklung des Glaubens stattgefunden?

   "Die `Religion der Liebe'
   Wenn dein Bruder, der dieselbe Mutter hat wie du, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau, mit der du schläfst, oder dein Freund, den du liebst wie dich selbst, dich heimlich (zu anderen Gottheiten) verführen will ... sollst du nicht nachgeben und nicht auf ihn hören. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihm aufsteigen lassen, sollst keine Nachsicht für ihn kennen und die Sache nicht vertuschen. Sondern du sollst ihn anzeigen. Wenn er hingerichtet wird, sollst du als erster die Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Du sollst ihn steinigen, und er soll sterben."
   Die Bibel, 5. Buch Mose 13, 7-11; besser bekannt als Teil des ersten Gebots &endash; ein Teil, der freilich aus naheliegenden Gründen meist weggelassen wird.
   Einen Grund, warum die ÆZehn Gebote" trotzdem so oft als Richtschnur bezeichnet werden, deckte die britische Sunday Times schon 1997 auf: Zwei Drittel der Priester im Dienst der anglikanischen Kirche konnten laut Augsburger Kirchenzeitung vom 9.2.97 nicht einmal die Kurzform der Zehn Gebote zitieren. Kein Wunder: Eine allzu genaue Textkenntnis führt nur zur Ernüchterung."

Was ist eigentlich an den zehn Geboten und an der Bergpredigt, auf die man sich noch immer gern pauschal beruft, heute noch aktuell, was entspricht davon noch unseren heutigen Erkenntnissen?

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Dieses Gebot ist, wenn wir wahrhaftig sein wollen - wie übrigens auch alle anderen Gebote - von Menschen empfunden, einem fiktiven, persönlichen Gott in den Mund gelegt und aus heutiger Sicht entbehrlich, weil es für aufgeklärte Menschen nicht mehr akzeptabel ist und selbst von gläubigen Menschen sehr oft nicht beachtet wird. Es ist sogar bedenklich, weil es Grundlage für Patriarchat, Hierarchie und Führertum ist.

2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen. Spätestens seit Erich Fromm ist auch dieses Gebot mit seiner Vorstellung von einem persönlichen Gott ebenfalls entbehrlich. Erich Fromm sagt: Wenn man die reifende Idee des Monotheismus in ihren weiteren Konsequenzen verfolgt, kommt man zu dem einzigen Schluß: Gottes Namen überhaupt nicht zu erwähnen, nicht über Gott zu sprechen.

3. Du sollst den Sabbattag heilig halten. Dieses Gebot wäre als Empfehlung vom Inhalt her sinnvoll, wenn es darum geht, an einem Tag in der Woche oder an Feiertagen zur Ruhe und zur Besinnung auf das Ganze zu kommen und zu sich selbst zu finden. Von der Form her wird es, wie auch die anderen Gebote, gerade diejenigen stets zum Widerspruch reizen, an die es gerichtet ist. Im Judentum gibt es sogar ganz offiziell die verschiedensten Tricks, um dieses Gebot zu umgehen.

4. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden. Solch ein pädagogisch völlig unhaltbares Gebot kann nur in einer menschlich wenig entwickelten Gesellschaft entstanden sein, in der Kinder vernachlässigt, zu viel oder falsch erzogen wurden. Wenn Kinder von ihren Eltern nicht genügend geachtet wurden, dann nützt ein Gebot wie das vierte auch mit seinem Tantieme-Versprechen wenig. Besser wäre eine Empfehlung wie: Achte die Kinder als eigenständige Menschen, sei ihnen mündiges Vorbild mit eigenen Bedürfnissen, gib ihnen so viel an Zuwendung und Liebe wie möglich, fördere und fordere sie, und zeige ihnen ihre Grenzen so oft wie nötig.

5. Du sollst nicht töten. Ein Gebot aus Zeiten der Blutrache, es wird heute besonders von Gläubigen, auch unter Berufung auf Gott, immer wieder verletzt. Für mündige Menschen ist es selbstverständlich und bedarf daher keiner besonderen Erwähnung. Besser wäre hier, wie auch bei den folgenden Geboten, eine allgemeine Empfehlung wie: Füge niemand etwas zu, das du nicht selbst erleiden möchtest.

6. Du sollst nicht ehebrechen. Ein Gebot der Moralauffassung entsprechend, nach der die Frau ein Besitz des Mannes war, ist heute entbehrlich.

7. Du sollst nicht stehlen. Eine Selbstverständlichkeit für mündige Menschen. Wenn man es beibehalten wollte, so müßte es besonders dann beachtet werden, wenn es z.B. darum geht, Kindern durch Taufe und konfessionelle Indoktrination ihre Chance zur eigenen religiösen Entwicklung zu stehlen. Du sollst nicht betrügen, übervorteilen, ausbeuten, täuschen, lügen, manipulieren - und vieles andere noch wäre dann ebenso hinzuzufügen.

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis geben wider deinen Nächsten. Auch dies ist eine selbstverständliche Forderung, die als Gebot bestehen bleiben könnte, wenn man solch differenzierte Vorschriften überhaupt für nötig hält, aber dann auch weitere hinzufügt, wie z.B. ...wider dich selbst.

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Eine Selbstverständlichkeit für einigermaßen zivilisierte Menschen, besonders geeignet für Spekulanten und beliebig zu erweitern auf Auto, Geld usw., von daher entbehrlich.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Auch wieder eine Selbstverständlichkeit für mündige Menschen, die heute auch auf den Mann erweitert werden müßte. Auch diese Forderung ist als Gebot entbehrlich.

Die christlichen Gebote spiegeln im Grunde eine sehr ins einzelne gehende Reglementierung wider, die sich offensichtlich, wie auch in der Form erkennbar, an verhältnismäßig unmündige Menschen einer anderen Gesellschaft und Epoche wendet. Was heute dagegen fehlt, das wäre ein Gebot wie: Du sollst deine Umwelt nicht zerstören. Ein Menschen- und Weltbild oder Glaube jedoch, in welchem der Mensch eine mündigere, verantwortlichere Stellung hat und eine deutliche Verbundenheit zur Mitwelt, bestehend aus menschlicher Gemeinschaft und Natur, würde umfassendere, grundsätzlichere Empfehlungen enthalten, z.B.: Sei dir stets bewußt, daß du ein Teil deiner Mitwelt und auf diese angewiesen bist. Was du dir tust, tust du ihr und umgekehrt tust du ihr, was du dir tust.

Was sagt im wesentlichen die immer wieder gern zitierte Bergpredigt? Der Mensch Jesus sagte, bzw. soll verschiedenen Überlieferungen nach gesagt haben:

'Gott liebt Menschen, die wissen, daß sie vor ihm arm sind. Gerade ihnen fällt sein Reich zu.' (5.3) Hier wird, wie auch in den meisten der folgenden Zitate, eine imaginäre Autorität interpretiert, das heißt, der Schreiber dieser Worte wendet sich an unmündige Menschen, die durch fragwürdige Versprechungen mit wiederum imaginären Belohnungen getröstet werden sollen. Derartige Versprechungen haben bisher dazu beigetragen, den jeweils bestehenden gesellschaftlichen Status quo aufrechtzuerhalten und Systeme der Ausbeutung der Schwächeren bis heute zu ermöglichen. Die Reichen wissen immer ihr Gewissen durch milde Gaben zu erleichtern. Heute wird man Menschen, die man sich mündig wünscht, den Preis und die Nebenwirkungen materiellen Besitzes für Mensch und Umwelt deutlich machen, was eher zur Einsicht führt.

'Gott liebt Menschen, die Leid tragen. Gerade sie wird er trösten.' (5.4) Ein typisches Beispiel für ein Bild vom unmündigen Menschen. Bei einem Bild vom selbständigen, mündigen Menschen dagegen wird heute versucht, durch menschliche Unterstützung in Form von beratender und teilnehmender Begleitung mit Hilfe von Fachleuten oder Selbsthilfegruppen den Leidenden zu befähigen, sein Schicksal zu akzeptieren und selbst in die Hand zu nehmen.

Weitere Zitate aus der Bergpredigt, die überwiegend ein Verhältnis der Abhängigkeit zwischen Vater und Kind widerspiegeln, sollen für sich selber sprechen:

'Gott liebt Menschen, die sich bescheiden zurückhalten. Gerade ihnen wird er die ganze Welt schenken.' (5.5)

'Gott liebt Menschen, die nach seiner Gerechtigkeit hungern. Gerade sie werden sie bekommen.' (5.6)

'Gott liebt Menschen, die barmherzig sind. Gerade ihnen wird er barmherzig sein.' (5.7)

'Gott liebt Menschen, die ein reines Herz haben. Gerade ihnen wird er sich zeigen.' (5.8)

'Gott liebt Menschen, die Frieden stiften. Gerade sie wird er seine Kinder nennen.' (5.9)

'Gott liebt Menschen, die seinetwegen unterdrückt werden. Gerade ihnen gehört sein Reich.' (5.10)

'Ihr seid das Salz der Erde.' (5.13)

'Ihr seid das Licht für das All.' (5.14)

'Schon wer seinem Bruder böse ist, gehört vor Gericht. Und wer zu ihm sagt: 'Du Idiot!', wird vor den Augen Gottes gerichtet. Aber wer ihn sogar als Unmenschen verflucht, verdient selbst, daß Gott ihn ewig verstößt.' (5.22)

'Schließ schnell Frieden mit deinem Gegner, wer weiß, wie lange du es noch kannst. Sonst könnte nämlich dein Gegner dir einen Prozeß anhängen und der Richter dich verurteilen und ins Gefängnis bringen lassen (5.25) Ich sage dir Gottes Wahrheit: Du kommst dort nicht wieder heraus, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.' (5.26)

'Wer sich von seiner Frau trennt - außer sie begeht Hurerei -, der treibt sie zum Ehebruch. Und wer die getrennt Lebende heiratet, begeht selbst Ehebruch.' (5.32)

'Schwört überhaupt nicht! Weder beim Himmel - er ist Gottes Thron. Noch bei der Erde - sie ist sein Fußschemel. Noch bei Jerusalem - es ist des großen Königs Stadt. Laß auch das Schwören bei meinem Kopf!' (5.34)

'Ihr sollt nicht Böses mit Bösem vergelten. Wenn dich also jemand ins Gesicht schlägt, sei bereit, dich auch ein zweites Mal schlagen zu lassen.' (5.39)

'Gib dem Bittenden! Leih gern dem Bedürftigen!' (5.42)

'Habt eure Feinde lieb. Betet für eure Bedrücker. So werdet ihr zu wirklichen Kindern eures Vaters im Himmel. Läßt er nicht seine Sonne scheinen über Böse und Gute und Regen fallen auf Fromme und Gottlose?' (5.44)

'Seid als Kinder eures Vaters im Himmel so, wie er ist: vollkommen.' (5.48)

'Achtet darauf, daß ihr euch nicht anderen Menschen zur Schau stellt, wenn ihr Gutes tut. Sonst gilt es in den Augen eures himmlischen Vaters nichts.' (6.1.)

'Du aber sollst so helfen, daß deine linke Hand nicht nachzählt, was die rechte ausgibt. So unauffällig soll deine Hilfe geschehen. Dein Vater wird dich dafür belohnen. Er sieht ja auch die heimlichsten Taten.' (6.3.)

'So soll es auch sein, wenn ihr betet. Macht's nicht wie die frommen Wichtigtuer. Sie lassen sich gern von anderen offen dabei sehen, wenn sie beten, damit sie den Leuten Eindruck machen.' (6.5)

'Wenn du aber betest, dann geh in dein Zimmer, schließ zu und sprich mit deinem Vater in der Stille.' (6.6)

'Betet einfach so: Unser Vater im Himmel,/ dein Name sei heilig. / Dein Reich komme. / Dein Wille geschehe, / wie im Himmel auch auf Erden / Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute. / Vergib uns unsere Schuld, / wie wir denen vergeben, / die bei uns Schuld haben. / Laß uns nicht in Versuchung geraten, / sondern rette uns vor der Macht des Teufels. / (Dir gehört die Herrschaft / und die Macht / und die Majestät/ in alle Ewigkeit. / Amen.)' (Math.6.9-13)

'Wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, dann vergibt euer Vater im Himmel euch auch. / Aber wenn ihr den anderen nicht verzeiht, dann wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht verzeihen.' (6.13)

'Wo euer Vermögen ist, ist auch euer Herz.' (6.21)

'Denkt nicht krampfhaft an morgen.' (6.34)

'Verurteilt nicht, sonst werdet ihr auch verurteilt.' (7.1)

'Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?' (7.3.)

'Handelt selbst so, wie ihr es von anderen euch gegenüber erwartet.' (7.12) In diesem Satz sind das Gesetz Moses' und die Schriften der Propheten zusammengefaßt.

'Geht durch die enge Tür hinein. / Groß ist jedoch das Tor und breit der Weg zum Verderben. / Viele gehen ihn. / Aber eng ist die Tür und schmal der Weg zum Leben. / Nur wenige finden ihn.' (7.13)

'An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.' (7.20)

'Wer meine Worte hört und nicht danach handelt, der verhält sich wie ein dummer Mann.' (7.26)

Soweit einige wesentliche Auszüge aus der sogenannten Bergpredigt (NT für Menschen unserer Zeit, Quell-Verlag Stgt.1968). In dieser Zusammenstellung von mehr oder weniger weisen, heute zum Teil überholten, mitunter auch recht seltsam, ja kurios und gar infantil anmutenden Texten mit ethischem Überlieferungsgut verschiedener Quellen ist nichts zu finden, was sich nicht für mündige Menschen bereits aus der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit für ein wünschenswertes Zusammenleben folgerichtig ergibt und versteht.

Die grundsätzlichen ethischen Aussagen, die in den großen sogenannten Welt-Religionen (richtiger: Konfessionen) Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum enthalten sind, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

  • Handele selbst so, wie du es von anderen dir gegenüber erwartest.

  • Halte deinen Zorn zurück und verzeihe den Menschen.

  • Sei keinem Wesen gegenüber böse gesinnt, sei gleichermaßen freundlich
    und mitfühlend gegenüber Freund und Feind.

  • Niemals hört in der Welt Haß durch Haß auf, sondern durch Liebe.

  • Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Alle religiösen Lehren wollen grundsätzlich das Gute im Menschen fördern. Das Gute kann sich aber nur dann entfalten, wenn es von Kindheit an nicht nur gepredigt, gefordert oder befohlen, sondern vor allem vorgelebt und zugelassen wird. Der mündige Mensch wird sich heute eher aus der Einsicht in die Notwendigkeit und aus der Erkenntnis der Sinnhaftigkeit auch seinen Feinden gegenüber menschlich verhalten, als durch Gebote, Belohnungen oder Drohungen, noch dazu, wenn diese einer imaginären Autorität in den Mund gelegt werden. Die kindhafte Vorstellung von einem teils gütigen, teils strafenden Vater im Himmel ist heute selbst für Theologen ebenso unglaubwürdig wie etwa die Vorstellung vom Weihnachtsmann für ältere Kinder. Und dennoch halten erwachsene Menschen an den alten Vorstellungen fest. Warum, geschieht dies aus Gewohnheit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit oder aus Überzeugung? In jedem Fall aus partieller Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit. Die meisten Politiker ergänzen noch immer ihren Amtseid mit "so wahr mir Gott helfe". Erwachsene Menschen, die an diesen kindlichen und vordemokratischen Formen festhalten sind sich offenbar nicht klar über die Gefahren, die sich aus einer solchen Bewußtseinsspaltung für das reale Leben ergeben. Der ständige - unbewußte - innere Konflikt zwischen kindhaftem Glauben und kritischem Verstand bildet eine Spannung, die entweder selbstzerstörerisch oder in destruktiver Weise nach außen wirkt, oder auch beides.

Mit der Erziehung von Kindern zum Glauben an einen personalen Gott werden diese zur Unmündigkeit, zur Selbsttäuschung und zur Unwahrhaftigkeit veranlaßt. Es wird die nach Artikel 1 und 2 unseres Grundgesetzes garantierte freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit be- oder gar verhindert, was einen Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt. Es wird ihnen eine Sicherheit vorgetäuscht, die nicht selten Ursache für psychische Krankheit und sogar für Gewalt werden kann. Eine Heilslehre, die zur Abhängigkeit von einer beliebig auslegbaren, imaginären Autorität und zur psychischen und rechtlichen, oft lebenslangen Bindung an die Kirche führt, ist mit einer geistigen Einstiegsdroge vergleichbar und deshalb als Verführung Minderjähriger und abhängiger Personen abzulehnen.

Kein vernünftiger und verantwortungsbewußter Mensch käme auf den Gedanken, Kinder bereits im Säuglingsalter in einer politischen Partei anzumelden, um sie frühzeitig auf eine bestimmte politische Richtung festzulegen. Was in der Regel selbstverständlich ist, nämlich Kinder nicht zu früh und ohne deren Bedürfnis über Sexualität aufzuklären, dasselbe sollte auch für den Glauben an geistige Heilmittel gelten, die, um Abhängigkeiten zu vermeiden, nur in Notfällen, wenn eine Selbstheilung nicht mehr möglich ist, angeboten werden dürften.

Lebendiger Glaube kann nicht durch Wiederbelebungsversuche überholter Vorstellungen vergangener Zeiten erreicht werden. Da machen junge Menschen entweder nicht mehr mit, oder sie werden zu gespaltenen Persönlichkeiten. Leben heißt Entwicklung und Veränderung. Die Kirche hat nur dann eine Zukunft und eine Daseinsberechtigung in einer demokratischen Gesellschaft, wenn sie über begrenzte Reformen hinaus eine Transformation von einer christlichen, am Führerprinzip orientierten Kirche zu einer humanistischen, an Mündigkeit orientierten Vereinigung anstrebt.

Der heute lebende, mündige Mensch ist für sich selbst voll- und für seine Mitwelt mit-verantwortlich. Er ist und bleibt ein Teil seiner Mitwelt. Seine von der Natur her gegebene Aufgabe ist es, sich nach Anlage und Umwelt-Bedingungen zu größtmöglicher Entfaltung zu bringen, wozu zumindest Mündigkeit gehört. Dies erfordert eine kritische Distanz und gleichzeitig wohlwollende Verbundenheit sowohl zu seiner Mitwelt als auch besonders zu sich selbst. Sein Problem ist das Erlangen der  Fähigkeit zur Erkenntnis seiner Endlichkeit und relativen Unbedeutsamkeit. Dies gilt es zu akzeptieren und sinnvoll zu nutzen. Seine allem anderen übergeordnete Orientierung ist das Ideal des Humanismus, die Vision vom verantwortlichen Menschentum, das folgerichtig den sorgsamen Umgang mit der Natur, der materiellen Lebensgrundlage des Menschen, enthält. Jeder mündige Mensch ist schon im eigenen Interesse gegenüber seinen Mitmenschen sowohl zur Hilfeleistung als auch zur Entgegennahme von konstruktiver Kritik verpflichtet.

Neue, unserer gesellschaftlichen Entwicklung entsprechende, Gebote, Grundsätze oder besser noch Selbstverpflichtungen könnten lauten:

  1. Ich will mich als Teil meiner
    Mitwelt erkennen und fühlen.

     
  2. Ich will meine Mitwelt achten
    und fördern wie mich selbst.

     

  3. Ich will wahrhaftig sein.
     

  4. Ich will ganzheitlich leben.
     

  5. Ich will verantwortlich sein.
     

  6. Ich will Großmut üben.
     

  7. Ich will um Ausgleich bemüht sein.
     

  8. Ich will mir Zeit lassen.
     

  9. Ich will nach Einfachheit streben.
     

  10. Ich will freundlich sein.

Ein neues Glaubensbekenntnis könnte lauten:
 

Ich glaube, daß der Sinn unseres Lebens in der größtmöglichen Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit in größtmöglicher Harmonie und Verbundenheit zu unserer Mitwelt liegt. Ich glaube an die Bildungsfähigkeit des Menschen zu einem sozial und ökologisch handelnden, Verantwortlichen Gemeinschaftswesen und daran, daß die Natur den Menschen nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur.
 
 


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02.06.12