Erziehung, Bildung, Beziehung?
Ihr Zusamenklang Als Vater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern und vor allem als ehemaliges Kind, das erst sehr spät seine eigene Kindheit reflektiert hat, möchte ich zum Thema Erziehung aus meiner eigenen Erfahrung heraus einige Gedanken mitteilen. Ich bin also kein Experte der akademischen Erziehungs-Theorien, sondern eher ein Experte des gewöhnlichen aber bewußten Lebens. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als wieder einmal die Erziehung im Blickfeld der Öffentlichkeit stand und ich mich auch mit der Schulproblematik meiner Kinder auseinanderzusetzen hatte, las ich in einer Zeitschrift eine einfache Antwort von psychologisch gebildeten Eltern auf die Frage nach ihrer Erziehungsmethode. Sie sagten:
Wir erziehen unsere Kinder nicht, Diese Antwort hat mich sehr beeindruckt, zumal mir aus der theoretischen Erkenntnis heraus schon damals klar war, daß die beste Erziehung im Grunde die Selbst-Erziehung ist. Mit dieser Erkenntnis stand ich damals jedoch erst am Beginn, zu spät leider für die Erziehung der eigenen Kinder. Eigentlich ist in dem Begriff Erziehung bereits das ganze Dilemma der menschlichen Zivilisation enthalten. Der Mensch im allgemeinen sieht und empfindet sich zu wenig als ein Teil der Welt und ist stets geneigt, seine Umwelt zu verändern, noch bevor er sich selbst erkannt, angenommen und mit als Aufgabe gewählt hat. Je weniger er mit sich selbst zurecht kommt, um so mehr möchte er seine Mitwelt beeinflussen. Im Jugendalter mag dieser Zustand durchaus seinen Sinn haben, im Erwachsenenalter ist er gefährlich. Selbst bei einer wohlwollenden Auslegung enthält der Begriff Erziehung eine grundsätzliche Haltung, die heute von verantwortungsbewußten Menschen nicht mehr bedingungslos akzeptiert werden kann. Er enthält zu viel an Einflußnahme, Manipulation, Selbstüberschätzung, Überheblichkeit seitens der Erwachsenen. Deshalb wird heute sogar hin und wieder von einigen Experten bereits schon der Begriff Kind als diskriminierend angesehen. Dies kann man als übertrieben empfinden, man kann es aber auch als ein Zeichen beginnender, verstärkter Einfühlung werten. In einer Ausgabe des Brockhaus von 1985 ist zu lesen: Erziehung ist die körperliche, geistige und sittliche Formung des Menschen, besonders der Jugend. Sie beginnt in der Familie ("Kinderstube"), die seit Jahrhunderten mehr und mehr durch die Schule unterstützt wird. Außerdem wirken die Kirchen- und Jugendorganisationen mit. Ziel ist, den jungen Menschen in die bestehende Kultur einzufügen und ihn zur selbständigen Persönlichkeit zu entwickeln. Mittel der Erziehung: Belehrung, Willensbildung, Übung, Gewöhnung, Vorbild. Zu dieser Definition ist zu sagen, daß die Realität heute größtenteils sehr viel anders aussieht. Weder Elternhaus, noch Schule, noch Kirchen- und Jugendorganisationen sind heute allgemein in der Lage, den jungen Menschen die nötige Zuwendung zu geben, wie dies vor wenigen Jahrzehnten noch möglich war. Es wird jetzt immerhin schon von einer psychischen Obdachlosigkeit gesprochen. Außerdem kann eine Entwicklung zur selbständigen Persönlichkeit weniger durch Formung, als durch Ermöglichung, und weniger durch Einfügung in eine bestehende Kultur, als vielmehr durch Befähigung zur Mitgestaltung, zur Veränderung und damit Belebung erfolgen. Für mich verbinden sich mit dem Begriff Erziehung die Begriffe ziehen, Zucht und Zögling, alles doch gewissermaßen mit mehr oder weniger Gewalt verbundene Begriffe. Es sei in diesem Zusammenhang auch an die umschreibende Verwendung für sado-masochistische Sexualpraktiken erinnert. Interessant ist auch, daß der Begriff Erziehung im pädagogischen Bereich fast ausschließlich in Bezug auf Kinder verwendet wird, während man für Erwachsene lieber den Begriff Bildung verwendet. Der direkte Vergleich zwischen den Begriffen Erwachsenen-Bildung und Erwachsenen-Erziehung läßt schon vom Klang her einen deutlichen Unterschied spürbar werden. Wer würde sich beispielsweise von der Werbung für eine Veranstaltung der Erwachsenen-Erziehung angesprochen fühlen?
Die Begriffe, die man sich von was macht, sind sehr
wichtig. Begriffe sind auch Werkzeuge, und für feine Arbeiten sind feine Werkzeuge angebracht. Wenn überhaupt heute im Zusammenhang mit Menschen von Erziehung gesprochen werden soll, dann allenfalls von Selbst-Erziehung. Und auch in diesem Fall wäre Bildung ein viel geeigneterer, weil weniger gewaltsamer Begriff, sind wir doch oftmals uns selbst gegenüber viel zu wenig einfühlsam. Insofern erscheint es mir sinnvoll, künftig statt von Erziehung grundsätzlich von Bildung zu sprechen. Und da das eigene Beispiel, das Vor-leben immer noch die beste Art ist, um Wissen, Einstellungen und Verhalten zu vermitteln, sei auch hier ausdrücklich noch einmal darauf hingewiesen. Bildung ist bewußte, planmäßige Entwicklung der natürlich vorhandenen geistigen und körperlichen Anlagen des Menschen. Auch der durch diese Entwicklung erreichte Zustand wird Bildung genannt im Gegensatz zu Unbildung, Halb-Bildung. (Brockhaus von 1985) Bildung hat weniger etwas von Eingreifendem, Manipulierendem, sondern eher von Ermöglichendem, von Angebot und geht bereits vom Wort her von einem mehr oder weniger bewußten Bild aus, von einem Vor-Bild oder Ideal-Bild, von einem Menschen-Bild und Welt-Bild. Optimal wäre es, wenn jeder junge Mensch bereits in seiner Kindheit Gelegenheit hätte, sich seine eigenen, bewußten Leit-Bilder, die ein konstruktives Miteinander mit seiner Mitwelt ermöglichen, frei für seine eigene Bildung zu bilden, ohne durch eine noch so gut gemeinte, letztlich aber doch nur egoistische Einflußnahme auf ein einziges, bestimmtes Leitbild hingeführt zu werden, wie das etwa mit der Taufe geschieht. Kein vernünftiger Mensch käme heute beispielsweise auf die Idee, sein Kind kurz nach der Geburt in eine politische Partei aufnehmen zu lassen, von der es sich erst als Jugendlicher gegen Zahlung einer Gebühr auf dem Standesamt wieder trennen kann.
Man sollte sich zur heiligsten Pflicht machen, dem
Kinde nicht zu früh einen Begriff von Wie viele Neurosen, innere Unsicherheiten und Spaltungen entstehen durch unterschwellige Zwänge einer zu sehr einflußnehmenden Erziehung, die meist auf beiden Seiten nicht bewußt wird. Selbstzweifel, Unsicherheit, Zerrissenheit, Verweigerung, Haß und Gewalt sind nicht selten die Folge. Eine Erziehung zum Glauben an Anzweifelbares kann sehr leicht zu innerer Gespaltenheit zwischen kritischem Verstand und sehnsüchtigem Gefühl und zur Missionierung Andersgläubiger bis hin zu deren Vernichtung führen, wie wir es fast täglich berichtet bekommen. Um der Gefahr einer Bildung, die den Menschen zu sehr in eine einseitige, außerhalb desselben liegende Richtung und damit von sich selbst weg führt, schon im Ansatz zu begegnen, möchte ich den Begriff Menschen-Bildung vorschlagen. Angesichts der Tatsache, daß die Probleme unserer Welt ihre Ursachen fast ausschließlich im Menschen und den von ihm mitgetragenen Strukturen haben, er selbst aber das schwächste Glied in der Kette der lebendigen Ereignisse ist, liegt es nahe, daß die Stabilisierung des Einzelnen heute die wichtigste Aufgabe zur Stabilisierung von Gesellschaft und Umwelt sein müßte. Nach den enormen Entwicklungen und Veränderungen auf technischen und wirtschaftlichen Gebieten wäre es jetzt dringend geboten, dem Wirtschaftswachstum ein Wachstum an Menschlichkeit folgen zu lassen. Daß der gern zitierte Wohlstand, der immer wieder beschworen wird, lediglich ein materieller ist, und daß dieser auf Kosten von Menschlichkeit und Natur erreicht wurde, wird gern verdrängt. Was die Menschlichkeit betrifft, so kann Deutschland durchaus als ein Entwicklungsland angesehen werden, das von manchen sogenannten unterentwickelten Ländern der "dritten Welt" lernen könnte. Zu viel Er-ziehung geht meist zu Lasten der Be-ziehung. Jede aktive Erziehung ist fast immer auf Unsicherheit und Angst oder Egoismus, auf jeden Fall auf Defiziten des Erziehenden selbst oder auf Zeitmangel begründet. Ein gutes Beispiel für die Problematik der Erziehung ist das christliche vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden. Solch ein Gebot kann nur in einer menschlich wenig entwickelten Gesellschaft entstanden sein, in der Kinder vernachlässigt, zu viel oder falsch erzogen wurden. Besser wäre eine Empfehlung wie:
Achte die Kinder als eigenständige Menschen,
sei ihnen mündiges Vorbild Wenn Kinder von ihren Eltern nicht genügend geachtet wurden, dann nützt ein Gebot wie das vierte auch mit seinem Tantieme-Versprechen wenig. Um eine solide Grundlage für menschliche Erziehung, Bildung oder Beziehung zu bekommen wäre es erforderlich, das eigene Welt- und Menschenbild zu überprüfen und wenn nötig, den heutigen Erkenntnissen entsprechend zu korrigieren. Genauso wie wir vernünftigerweise technische Hilfsmittel regelmäßig einer Sicherheitsprüfung unterziehen, wäre dies auch für unsere geistigen Hilfsmittel erforderlich. Die Wurzel für innere, das heißt im Menschen selbst befindliche Sicherheit, und damit für humanes und konstruktives Verhalten, liegt in der Religion oder Weltanschauung. Eine Orientierung an zweitausend Jahre unverändert beibehaltenen Vorstellungen, die einen Hitler und Auschwitz ermöglicht beziehungsweise nicht verhindert haben, und die heute noch immer Ungerechtigkeit und Gewalt gegenüber Mensch und Natur ermöglichen, zumindest nicht verhindern, bedarf dringend einer Überprüfung und Erneuerung. Nicht der tabuisierte Glaube an angenehme aber irreale Vorstellungen und das Verdrängen der unangenehmen Realität bringt wirkliche innere Sicherheit, sondern der hinterfragbare Glaube an die diesseitigen Möglichkeiten und die mutige Auseinandersetzung mit der Realität. Die zerstörerischen Auswirkungen der bisherigen technischen und geistigen, auch wissenschaftlichen Spielereien der Menschheit machen jetzt eine Entscheidung zwingend notwendig, ob der pubertäre Zustand beibehalten oder zugunsten einer umfassenden, echten Mündigkeit überwunden werden soll. Mündigkeit ermöglicht und erfordert Arbeit am Menschen, an seiner Innenwelt. Menschsein ist schließlich nicht nur ein Zustand, sondern eine permanente Aufgabe, ebenso wie die Demokratie. Erziehung oder besser Bildung zur Selbst-Erziehung, vor allem durch das eigene Vorbild, unter der übergeordneten Orientierung an einem ganzheitlich verstandenen Humanismus mit dem Ziel des mündigen Menschen, der in bewußter Verbundenheit zur Mitwelt lebt, das könnte eine Grundhaltung für Eltern und Schule sein, eine Haltung, die sowohl für die Schüler, als auch für die Lehrer erlebnisreich und sinnvoll wäre. Nicht mehr Schulbildung zur Anpassung der Schüler an das Wirtschafts-System, sondern Menschenbildung zur Humanisierung der Gesellschaft und damit zur Stabilisierung von Demokratie und Mitwelt, das wäre heute dringend geboten.
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Aktualisiert am 14.02.09