Bekenntnis zum Menschsein

Von den Schwierigkeiten damit
 

In einer öffentlichen Veranstaltung, die vom Fernsehen übertragen wurde, erinnerte der stellvertretende Vorsitzende des Zentralverbandes der Juden in Deutschland, Michel Friedman, die Zuhörer eindringlich, ja er rief es fast beschwörend, dass Antisemiten nicht als Antisemiten geboren würden. Was er nicht sagte, dass auch Juden nicht als Juden geboren werden, und dass jede Erziehung zur Abgrenzung von anderen Menschen für den Zögling und den Erzieher nicht nur vorteilhaft ist, sondern auch Risiken und Nebenwirkungen enthält. Viele Konflikte entstehen aufgrund konfessioneller und ethnischer Abgrenzung, je nach Intensität auch einer Form des Extremismus - siehe Israel/Palästina, Nordirland, Ex-Jugoslawien usw.
   Angesichts der Fremdenfeindlichkeit und -angst einerseits und des zunehmenden Bewusstseins von der real existierenden Globalität der Menschheit andererseits wäre es sinnvoll, sich auch bewusst zu machen, dass selbst der Mensch als solcher nicht schon als Mensch geboren wird. Er wird als ein Lebewesen geboren, das zunächst nur die Anlage dazu hat, Mensch zu werden. Das wesentlich Menschliche bildet sich erst durch die Wechselbeziehung zur Mitwelt mit ihren bewussten und unbewussten Forderungen und Vorstellungen. Eine solche Einsicht könnte dazu genutzt werden, eine Erziehung zu universeller und verbindender Menschlichkeit anstatt zu abgrenzendem Separatismus zu betreiben. Für die bereits Erzogenen würde eine derartige Einsicht bedeuten, ihre bisherige Erziehung dahingehend zu überprüfen, inwieweit diese fremdbestimmt erfolgte und ob sie ein dezidiertes, universell vereinendes Menschenbild sowie eine natur- und vernunftgemäße Sinngebung enthält. Wie wenig noch eine solche ethische Orientierung verbreitet ist, das deutet eine entsprechende Umfrage an. Es wurden hier verschiedene Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch fremde nach ihrer Weltanschauung bzw. ethischen Orientierung befragt, um zu erkunden, wie konkret ein Bewusstsein von dem eigenen Bekenntnis besteht.    

Die Frage lautete sinngemäß: "Was antworten Sie auf eine Frage nach Ihrer Weltanschauung oder ethischen Orientierung?"

Die Antworten

Sie fragten nach meinem Ideal. Im tiefsten Grunde sehe ich mich als ein untrennbarer Teil dieser Welt. Ob nun Menschen missbraucht und gequält werden oder Tiere, ob Natur zerstört wird, macht für mich keinen prinzipiellen Unterschied. Darum kann die Achtung menschlicher Würde fuer mich nur ein Einstieg sein, allen Dingen Achtung entgegenzubringen, getreu Laotses Spruch: "Wer das Leben nicht ernst nimmt, dem wird es seinen furchtbaren Ernst zeigen."

Helmut I. 16.06.98

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WAS DER MENSCH DENKT, DAS IST ER !

Heinz H. 18.02.99

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Ich habe eine eigene Philosophie.

Hans I. 02.06.99

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Schwere Frage. Da kann ich keine vollständige Antwort geben, weil ich mir als menschliches Wesen die Freiheit nehme, mich körperlich und geistig weiterzuentwickeln. Das führt dann auch dazu, dass mein Weltbild nie lange an einer Stelle verweilt. Allerdings kann man schon Tendenzen aufzeigen, in welche Richtung (mit gewissen Schwankungen) sich mein Weltbild bewegt. Ich würde mal so sagen: Der Pantheismus gefällt mir von allen Glaubensformen am besten und trifft auf mich persönlich auch am sichersten zu. Allerdings lege ich nicht soviel Wert auf den Begriff Gott, weil Gott immer wieder als Person angesehen wird, oder personifiziert dargestellt wird. Aber auch als werdender Humanist würde ich ein nicht gerade "falsches" Bild machen - sprich, ich gliedere mich auch in diese Kategorie ein. Mir liegt sehr viel an der Menschheit im Allgemeinen. Das führt dazu, dass ich die Armut in anderen Ländern viel höher bewerte, als persönliche Risiken und Probleme - sprich: Selbstvernachlässigung oder aber auch fehlende Selbstliebe. Kurz und unvollständig kann ich meine derzeitige Position wohl am besten und greifbarsten beschreiben. Allerdings muss ich dazu auch noch anmerken, dass sich mein Weltbild mit jedem Buch, was ich lese, ein klein wenig weiterentwickelt. Und auch die persönliche Erfahrung bringt viel Veränderung mit sich. Mehr als bei anderen Menschen in meinem Alter.

Carsten L. 21.07.99

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Meine Weltanschauung ... habe ich bisher mir selber noch nicht für mich formuliert. Ich bin ev. Christin, gehe selten in die Kirche, beteilige mich aber an den Aktivitäten der Kirche vor Ort. Für mich ist Kirche auch das, was ich selbst beitrage. Habe z.B. fürs Frühjahr ein Seminar in der ev. Erwachsenenbildung organisiert mit dem Thema Von der Strafe zur Versöhnung.

Britta I. 16.08.99

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Sie fragen nach meiner Weltanschauung. Die dürfte aus meinem Buch über Silvio Gesell zu entnehmen bzw. zu erkennen sein.

Ingo C. 01.10.99

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... bekenne ich mich nicht zum Humanismus oder zu irgendeiner anderen mit einer Bezeichnung versehenen Weltanschauung. Aber ich bin dem Humanismus freundschaftlich verbunden.

Ute P. 12.02.00

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Ich antworte wahrheitsgemäß, dass ich keine habe und auch keiner nachlaufe.

Kurt X. 25.02.00

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Auf meiner Homepage habe ich über meine Weltanschauung einiges geschrieben, im "SELBST" ist alles vereint, dort ist der KERN allen Lebens, der Kern der Welt, hier kann die Wurzel wachsen, zu einem Baume, der gute Früchte gibt.

Heinz Q. 10.04.00

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Die Frage nach meiner Weltanschauung ist ziemlich schwer zu beantworten bzw. genauer gesagt in Worte zu fassen. Um das zu verstehen bzw. nachzuvollziehen, müssen Sie wissen, dass ich mich schon ziemlich lange mit Philosophie und der Philosophie unterschiedlichster Systeme, Ethiken, Weltanschauungen, etc. beschäftigt habe. Die meisten Ideen und Gedanken zu diesem Thema dürften mir zumindest im Groben bekannt sein.
   Ihre Frage nach der Weltanschauung (also wie schaue ich die Welt an) meint aber nicht "wie kann man die Welt anschauen", also die Möglichkeiten, sondern eher von welcher Anschauung der Welt bin ich überzeugt, welche ist für mich die Richtige, welche kann ich in vollster Überzeugung vertreten, bzw. extrem ausgedrückt: Für welche würde ich sterben?
   Leider bin ich auf eine solche Anschauung noch nicht gestoßen, bzw. eine solche ist bei mir nicht mehr vorhanden.
   Weltanschauungen, also die "Art des Anschauens der Welt" gibt es viele und jede hat ihre guten (und schlechten) Seiten, hat ihre Existenzberechtigung, hat ihre Stärken und natürlich ihre Anhänger. Aber jede ist eben nur eine mögliche Art zu schauen und berücksichtigt eben nur bestimmte Aspekte und kann vielleicht niemals geeignet sein die Komplexität der Welt und der vielen möglichen Situationen zu beinhalten.
   Anders ausgedrückt: Die Welt besteht aus Tausenden von wunderschönen Facetten und durch die Festlegung auf eine bestimmt Art der Anschauung lege ich mir Scheuklappen an bzw. setze mir eine selektive Brille auf, die nur die Sicht auf einen kleinen Teil des Ganzen erlaubt. Ich möchte hier Ihre Weltanschauung auf keinen Fall kritisieren; vielleicht sind Sie zu beneiden, wenn Sie etwas gefunden haben, an das Sie glauben können, von dessen ausschließlich positiver Auswirkung Sie überzeugt sind und das Ihnen die Kraft und die Energie gibt, Handlungen zu begehen.
   Für mich gibt es einige wenige grundliegende Dinge, die einer Weltanschauung ähnlich sind:
Die Freiheit des Menschen im Denken, Fühlen und Handeln (Stichwort Toleranz, Akzeptanz)
Der Pluralismus des Einzelnen und der Gesellschaft.
Die Liebe als ein tiefes Gefühl (was immer das sein mag).
Im Grunde sind dies alles Facetten ein und derselben Grundlage; nur es gibt da kein Wort für.
   Was bei dieser Diskussion viel leichter ausgesagt werden kann, sind die Dinge, die ich ganz sicher nicht will: Eine einheitliche Weltanschauung, an die alle glauben sollen bzw. müssen. Die Entscheidung Anderer über die Gefühle, die Einstellungen und den Glauben, etc. eines einzelnen Menschen. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse, Gut und Schlecht und damit die Beurteilung bzw. Verurteilung von Handlungen.
   Eine geradlinige Welt, in der nur noch bestimmte Handlungen, Meinungen, Rollen, etc. erlaubt bzw. gesellschaftsfähig sind. Mir fallen zu dieser kurzen und ich hoffe einigermaßen verständlichen Zusammenfassung zwei Schlagworte ein: Pluralismus und Anarchie.
   Mir ist völlig bewusst, dass sich die obigen Angaben in kein logisches, funktionierendes System packen lassen, dass einige Dinge sich sogar vehement widersprechen. Deshalb habe ich eben auch nicht so was wie eine Weltanschauung. Ich hoffe auch, dass klar geworden ist, warum ich Probleme habe, mich einer Weltanschauung anzuschließen. Vielleicht sollte man hier besser von einem Weltgefühl reden!
   Ich weiß, dass zum Verständnis des in der obigen Form Ausgedrückten sehr viel Wohlwollen des Lesenden gehört, und dass das Herausreißen einzelner Sätze auch zur entgegengesetzten Aussage führen kann. Vielleicht, wenn Sie Interesse haben, könnte man die Dinge auch in Zukunft noch an dem einen oder anderen Beispiel oder Zusammenhang verdeutlichen. Allerdings sind die meisten dahinterstehenden Ideen oder besser Lebensgefühle auch nicht neu.

Harald I. 14.04.00

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... ohne religiöse oder philosophisch festgelegte Glaubensrichtung, aber für vieles offen ...

Andreas W. 11.05.00

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In dem Film "... Wahnsinn?", der auch so etwas wie eine Biographie über mich ist, werde ich im Untertitel "Anarchist als Bewahrungshelfer" genannt. Das gefällt mir ganz gut. Anarchisten sind immer auch Atheisten. Weitere Einordnungsversuche von mir fallen mir schwer und sind für mich auch unbedeutend.

Hartmut I. 12.05.00

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Ich bin kämpferischer Atheist, von Geburt an. Dank meiner Mutter. Und meinem Großvater, der mir viel politisches und kämpferisches Leben eingehaucht hat. Das führte zu einem klaren Klassenstandpunkt. Schon in der Realschule, wo mich der Lehrer, 1948, mit aller Gewalt als "gottgläubig" einstufen wollte, um mich dem richtigen konfessionellen Reli-Unterricht zuweisen zu können. Er musste aufgeben - ich blieb frei. Terror gab es nicht von den Klassenkameraden, auch nicht von den Lehrern. Aber der Rektor war ein Schwein. Der hat mich, zeitweilig waren wir sogar zwei oder drei Mann in der Klasse ohne Religionsunterricht, wirklich schikaniert. Und bei der Schulabgangsfeier 1954 hat er vom Podium vor vollem Haus verkündet: Menschen ohne Religion könnten ja morden, sie wären ja niemandem verantwortlich ... Klar, da waren auch meine Klassenkameraden sauer: Und mir hat es geholfen zu erkennen, dass jede Religion (= Lehre von Dummheit und Intoleranz, wunderbares Mittel zur Sicherung der Herrschaft der wenigen über die vielen) von Übel ist.
   Ich bin, selbstverständlich, nicht getauft, nie Religionsunterricht, Jugendweihe. Mitte Zwanzig wurde ich von jetzt auf gleich Vorsitzender der "Freireligiösen Gemeinde E." (schrecklich, ein solcher Name - hat mich das gewurmt) und bald darauf, bis zu meinem Wegzug aus E., für eine kurze Zeit Vizepräsident der Freireligiösen Landesgemeinde ...; alles sehr lange her.
   Seit vielen Jahrzehnten übe und gehe ich nun den aufrechten Gang. Seit zwei Jahren etwa bin ich Mitglied des HVD Berlin. Und müsste zu vielen "diesseits"-Artikeln "eigentlich" dagegen hämmern. Von wegen Klarheit ...

Herbert T. 31.05.00

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Eigentlich die Kantsche Grundform, erweitert durch Marx und Engels "Orthopraxie" und das Ganze in einer durchgängig logischen, nachvollziehbaren Form nicht autoritären Denkens. Jedes Offenbarungsdenken, und das war die frühere Grundlage aller Esoterik, ist heute wegen dieses überholten Autoritätsanspruchs methodisch sozusagen generalzuüberholen. Das ist eine Vorstellung, die konservative Philologen und Altertumsforscher und die Philosophiehistoriker - echte Philosophen sind Mangelware - sofort gegen uns Stellung nehmen lässt. Daran haben wir uns allerdings schon fast gewöhnt, nicht nur in diesem Leben, wenn du uns diese "Unbescheidenheit" erlaubst. Spirituell nicht festgelegte "Nicht-Ignorabismushumanisten" - müsste genauer erläutert werden - sollten diese Grundüberholung und die damit verbundenen Versöhnungspotentiale eigentlich sehr hoch schätzen. Es käme auf entsprechende "Versuche" an.

Konrad und Katharina E. 24.06.00

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Sie fragen: "Was pflegen Sie auf die Frage nach Ihrer Weltanschauung bzw. ethischen Orientierung zu antworten?" - Nun, ich `pflege' gar nicht, weil ich in der Form hier erstmals gefragt werde. Ich habe auch kein komplettes fertiges Modell vor Augen. Mein ethisches Bewusstsein regt sich überall dort, wo es im Einzelfall gefragt wird. `Toleranz' fällt mir als wichtiges Stichwort ein (auch bezüglich der Weltreligionen). Sogar `Mitleid' ist ein gutes Stichwort, wie mir scheint, das Schopenhauer noch zuletzt anführte als Entgegnung auf die Frage, ob der Mensch letztlich `gut' oder `böse' sei.
   Mein Doktorvater hat mir einmal berichtet, dass er auf die derzeit unter philosophischen Ethikern weitverbreitete Meinung gestoßen sei, dass es keine verbindlichen Werte mehr gebe, dass alles vielmehr nur noch `relativ' sei.
   Nun, ich glaube, ich bin im Grunde meines Herzens wertekonservativ und kein Werte-Relativist. Ich glaube außerdem fest an die Willensfreiheit, ohne gläubige Christin zu sein. Ich halte ferner jedes Leben für lebenswert, in welcher Form auch immer. Ich verurteile die Todesstrafe, die nirgends rechtlich verankert sein dürfte. Ich verurteile den Selbstmörder nicht, auch nicht das Kind, das erstlich ein Tier quält. Hier setzt dann die Praxis ein, das Werte-Vermitteln. Das Leben zu leben ist der ursprünglichste Sinn ...
   ... lieber Herr Kuhr, Sie merken, auf eine derartige Frage bin ich nicht gefasst, da sie im Ausmaß einmal um die Welt reicht.

Kirstin A. 28.06.00

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Die Menschen auf den Fotos in unserem Neubau (Einstein, Gandhi, Russell, Mandela, Menhuin ...) sind auch Vorbilder für mich, hinter denen ich natürlich meilenweit zurückbleibe.
   Die Kluft zwischen dem menschlichen Handeln und Denken spüre ich bei mir täglich. Mit SchülerInnen bemühe ich mich (wie aus den SchülerInnen-Arbeiten hervorgeht), auch die eigenen Schwächen jeweils mit wahrzunehmen.

Klaudius H. 06.08.00

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Du fragst mich zu meinen Einstellungen? Bei Religion bin ich ebenfalls sehr skeptisch, sehe jedoch ein, dass es Menschen gibt, die durch Glauben sogar Kraft und Stärke gewinnen können. Alle Institutionen sind mir zutiefst zuwider. Ich selbst denke, dass man durch Symbole Interpretationen für individuelle Wahrheiten schaffen kann. Davon lebt jede Kunst: Der Betrachter entscheidet und wertet.
   Ebenso skeptisch bin ich bei sogenannten Gutmenschen, die als ewige Revolutionäre auftreten. Aber auch Esoterik halte ich für die ständige Begleiterin nicht bewältigter Denkprozesse. Jeder muss für sich seine Wahrheiten finden. Durch eigenes Vorbild erreicht man mehr als durch Agitation - wir kennen das ja aus der DDR zur Genüge.

Mario G. 08.09.00

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Ich bin naturreligiös in dem Sinne, dass ich die Umwelt, die Natur als belebt annehme, als beseelt. Ich glaube, dass es Götter und Göttinnen gibt - und dass ich deshalb nicht völlig aus dem Häuschen sein muss. Ich bin Polytheist, animistisch orientiert und dabei sehr realitätsbezogen ... (meistens ...)

Lydia F. 23.10.00

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Ich bin Mitglied der Freien Humanisten in C. ... Die Frage nach einer ethischen Zuordnung kann ich so nicht in 1-2 Sätzen beantworten. Mit humanistischen Grüßen

Dieter I. 16.11.00

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REALIST! Das ist mir genau mit diesem Begriff im letzten IT-Job vorgeworfen worden, für mich ein Kompliment. Nach meinem Verständnis schließt Realismus Sinn für Fantasie und Vision ein. Wer das erste vernachlässigt, kann sicher auch die beiden anderen nicht beherrschen.

Dietmar O. 08.12.00

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R.K. am 12.09.00: Mich würde interessieren, was Sie auf eine Frage nach Ihrer Weltanschauung bzw. ethischen Orientierung antworten.
   G.X. am 13.09.00: Als Antwort oder als Antwort in einem Artikel??? Letzteres fände ich gut! Vielleicht als Exposé für ein neues, außergewöhnliches Buch in Ihrem Verlag?
   Warum nicht. ... sicher werde ich in den nächsten Wochen etwas Zeit haben, um mir zu dem Thema Gedanken zu machen. Es dauert also ein bisschen, aber ich werde es in Kürze näher beleuchten - okay?!
   R.K. am 11.01.01: Darf ich Sie an meine Frage nach Ihrer Weltanschauung bzw. ethischen Orientierung erinnern? Mir würde zunächst eine ganz kurze Antwort - ein Wort oder Satz - genügen.
   Ja, Sie dürfen mich erinnern, ich habe es auch nicht vergessen. Aber wie sagte es mir gerade ein Videofilmer: Man kann nur eins nach dem anderen machen. Ob man will oder nicht.

Gaby X. 12.01.01

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Meine Weltanschauung - was würde ich sagen ... Ich bin eine Denkerin - von keinen fixen Ideen besessen - sondern offen für alles Neue. Politische Interessen habe ich weniger gehabt - eigentlich gar nicht. Ich denke, dass die moderne Physik in der Zukunft den Menschen völlig neue Dimensionen zeigen wird - die Bedeutung der Kirchen wird nachlassen. Die Physik ist schon so weit, dass die Formel des Universums evtl. schon in den nächsten 20 Jahren entschlüsselt wird.

Nora L. 08.05.01

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Meine eigene Grundlage: Meine Frau und ich sind Vegetarier und philosophisch gesehen sind wir Agnostiker (à la Karl-Heinz Deschner "Kriminalgeschichte des Christentums").
   Wenn etwas als "heilig" zu betrachten ist, dann ist es die Natur. Wir lehnen jede Religion und jede Ideologie für uns selbst ab. Richtschnur ist das eigene Denken mit der Maxime: "Handele so, dass du anderen keinen Schaden zufügst".
   Wir verfügen über eine hohe Toleranzschwelle, was andere Meinungen und Vorstellungen betrifft, solange keine "Missionierung" stattfindet.

Richard E. 11.06.01

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Zu meiner Weltanschauung: Um Mensch zu sein, brauche ich ein "Du". Ich bin du, du bist ich, so halte ich es auch mit Jesus, der Schöpfung und der Welt. Im Alltag begleitet mich das Bewusstsein dass jeder Atemzug, jeder Handgriff immer wieder aufs Neue ein göttliches Geschenk ist, und ich fühle dafür Dankbarkeit.
   Ich übe mich, mit Intuition und allen Sinnen im Hier und Jetzt zu sein und das was durch den Alltag gegeben ist anzunehmen. Ich traue mich, täglich einen "Baum" zu pflanzen, und zwar auch dann, wenn er das Morgen nicht erleben wird. Re-ligion bedeutet für mich Rück-verbinden, mit dem inneren verletzten Kind, mit früheren Daseinsformen Kontakt zu finden, Erkennen, Selbsterfahrung, zur Ganzheit finden.

Willi N. 07.11.01

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Nein, ich bezeichne mich eigentlich nicht als Humanistin. Ich bezeichne mich als gar nichts, weil ich kein auf mich passendes "Etikett" kenne.

Kathrin D. 06.07.03

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Zur Frage `Was antworten Sie auf die Frage nach Ihrer Weltanschauung oder ethischen Orientierung?':
   Wäre nun mein Buch schon fertig, könnten Sie darin möglicherweise eine Antwort auf Ihre Frage finden oder zumindest erkennen. Da dies noch nicht der Fall ist, möchte ich auf andere Weise auf Ihre Frage eingehen.
   Mir fällt es sehr schwer, einen Namen für meine Weltanschauung oder ethische Orientierung zu finden. Ich kann mich momentan nicht daran erinnern, dass ich dies jemals so direkt gefragt wurde.
   In meiner Kindheit wurde ich in einem Einkaufsladen gefragt, wem gehörst du? Es war eine in diesem Dorf übliche Frage, wenn jemand wissen wollte, welcher Familie man angehört. So antwortete ich damals schon: Ich gehöre mir selbst.
   Auf dem Einwohnermeldeamt wurde ich unlängst nach meiner Religionszugehörigkeit gefragt. Da antwortete ich: Haraldisch, in Anlehnung an meinen Vornamen.
   Vielleicht gelingt es Ihnen, mich mit folgenden Ausschnitten aus meinen derzeitigen Stand `einzuordnen'.

- Ich bemühe mich so wenig wie möglich zu glauben. Wenn schon Glauben, dann nicht irrationaler Glaube, sondern rationaler.
- Ich weiß, dass ich nichts sicher weiß.
- Ich lebe mit dem Satz: Ich weiß es nicht und ich will nicht glauben.
- Ich lebe im Universum aus Raum und Zeit.
- Es gibt mehr als 4 Dimensionen. Vielleicht 11.
- Es gibt schnellere Verbindungen als die Lichtgeschwindigkeit. (Quanten und Stringtheorie)
- Das Universum wurde nicht geschaffen, sondern entsteht in jedem Augenblick.
- Ich unterscheide zwischen Spiritualität und Religion.
- Ich bemühe mich intensiv, nicht-religiös zu sein. Dies bedeutet für mich Freiheit von der Religion.
- Ich lebe eine freie Spiritualität (so sage wohl nur ich dazu).
- Absolut jeder und alles ist permanent verbunden und gleichwertig.
Trennung existiert real nicht.
- Der erste Schritt zur Ehrfurcht vor dem Leben ist der Schritt heraus aus der Religion.
- Dualität von Gut und Böse aufheben.
- Integration anstatt Polarisierung als vierter Weg.
- Materie entsteht aus Leben ... Nicht-Leben entsteht aus Materie
- Ich sehe Religion (nach meiner Definition) als spirituelle Seuche.
- Namaste ist für mich von Elementarer Bedeutung.
"Namaste": Ich ehre den Ort in dir, in dem das gesamte Universum weilt. Ich ehre den Ort des Lichts, der Freiheit, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens, der Weisheit. Ich ehre den Ort in dir, wo wir beide, wenn du dort in dir bist und wenn ich in jenem Ort in mir bin, eins sind.

Harald C. 04.12.06

*

Meine eigene Weltanschauung zu benennen fällt mir schwer, weil ich mich da keiner Sekte zugehörig fühle. In meiner Jugend hat mir Feuerbach sehr gefallen, und Marx logischerweise auch. Ich halte also die Materie für primär, und Geist oder Seele für Ausflüsse daraus. An Marx' Aussage, es komme darauf an, die Welt zu verändern, statt sie zu erklären zu versuchen, würde ich statt "verändern" lieber "verbessern" setzen, wohl im Sinne Ihrer Aktion, sie für die Menschheit genießbarer zu gestalten, ohne die natürlichen Ressourcen zu plündern. Denn verändern tun die Menschen sie ja eigentlich recht spürbar, ob zum Bessern, ist fraglich.

Franz I. 24.12.06

(Die Sammlung entsprechender Antworten wird fortgesetzt.)

Das Ergebnis

Die interessanten Antworten zeigen eine große individuelle Vielfalt, lassen jedoch ein konkretes Bekenntnis zum Menschsein vermissen. Und gerade dieses ist es, was unserer Gesellschaft fehlt. Es fehlt an verantwortlicher Menschlichkeit als ethische Orientierung und an einer entsprechenden Menschenbildung.
   Interessant in diesem Zusammenhang ist es, dass Angehörige mancher indigenen Stämme, z.B. Inuit (Eskimo), Bantu oder Yanomami, nach der Bedeutung der Bezeichnung ihrer Identität gefragt, diese mit `Mensch', `Steppenmensch' oder `Waldmensch' übersetzen. Das könnte uns über unsere identitätsbildenden Bekenntnisse nachdenken lassen, weil wir uns mit zunehmender Zivilisation mehr und mehr von der Natur getrennt haben. Der von der Natur her angelegte - vor allem männliche - Aktionstrieb hat in Verbindung mit der - ebenso von der Natur mitgegebenen - Fähigkeit zum Denken zur Beschäftigung und Identifikation mit Teilgebieten des Denkens und damit zur Aufspaltung des Lebens in Menschlichkeit fördernde und hindernde Bereiche geführt.
   Was in der Kindheit für die Entwicklung zum erwachsenen Menschen sinnvoll ist, die Bildung der eigenen Identität mit Hilfe der Identifizierung durch Abgrenzung, muss nach und nach abgelöst werden durch ganzheitlich ausgerichtete Identifizierungen, wenn es zu einer Bildung von verantwortlicher Menschlichkeit kommen soll. An dieser vor allem fehlt es in fast allen gesellschaftlichen Bereichen und besonders auffällig und menschenunwürdig in den derzeitigen Konfliktgebieten.
   Der Artikel 1.1 GG `Die Würde des Menschen ist unantastbar' bleibt solange eine wenig glaubhafte Behauptung, als sich die maßgebenden Menschen nicht konkret zum Menschsein bekennen. Mit indirekten und ausgedehnten Beschreibungen ist es nicht getan. Hier ist eine eindeutige, das Wesentliche bezeichnende Festlegung gefordert, auch wenn es zunächst ungewohnt und unbequem sein mag. So wie die Doktorwürde eine bestimmte Leistung voraussetzt, dürfte ebenso auch bei der Menschenwürde von einem gewissen Alter an zumindest die Leistung eines dezidierten Bekenntnisses zum Menschsein zu erwarten sein.
   Als Begriff, der die inhaltlichen Erfordernisse am ehesten umfassend erfüllt, dürfte hier der Begriff `Humanismus' sein. Man wird sich daran gewöhnen können, ebenso wie an die Begriffe `Globalisierung' oder `Euro'.
   Ein Bekenntnis zur positiven, verantwortlichen Menschlichkeit als Orientierung und Verpflichtung, das wäre auch in konfessionslosen Kreisen dringend nötig. Solange keine erstrebenswerten besseren, zukunftsweisenden Alternativen angeboten werden, wird sich kaum etwas ändern in der Gesellschaft.
 

Aus einer Einladung

Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK)
und Humanistischer Verband Deutschlands (HVD)

laden ein zum Thema:

Kriegsdienste verweigern  -  Pazifismus heute

>> weltlich-humanistische Perspektiven für den Frieden <<

25. November 2000 ab 17 Uhr im Lokal >>EX<< im Mehringhof, Gneisenaustr. 2a / Berlin-Kreuzberg

PROGRAMM

HVD und IDK präsentieren die gerade erschienene HVD-Publikation
aus der Reihe "zur Theorie und Praxis des Humanismus"

Autor/inn/en-Diskussion:

- Christine Sch., Atheistin / Bund fuer Soziale Verteidigung
- Lou M., Agnostiker, gewaltfreier Anarchist, Redakteur der Zeitschrift "graswurzelrevolution"
- Niels P., Agnostiker, ehem. Bundesgeschaeftsfuehrer der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte
   Kriegsdienstgegner/innen (DFG-VK) und HVD-Berlin
- Wolfram B. - Agnostiker, IDK / HVD-Berlin
- Ulrich K., HVD-Wuppertal, Freidenker / Musiker

Bemerkenswert ist an dieser Einladung, dass trotz Mitgliedschaft beim Humanistischen Verband Deutschlands niemand dabei ist, der sich als Humanist bezeichnet! R.K.

   Hierzu ein Zitat von Albert Schweitzer:
   In mehr denn anderthalb Menschenaltern erfuhren wir zur Genüge, dass die Weltanschauung der Weltanschauungslosigkeit von allen die wertloseste ist und nicht nur Ruin des geistigen Lebens, sondern Ruin überhaupt bedeutet. Wo keine Generalstabsoffiziere einem Geschlecht den Plan seines Kampfes ausdenken, führen es die Unteroffiziere, in den Ideen wie in den Handlungen, von Abenteuer zu Abenteuer. Der Wiederaufbau unserer Zeit muß also mit dem Wiederaufbau der Weltanschauung beginnen. Das scheinbar Entlegene und Abstrakte ist so dringend, wie kaum etwas anderes. ... Für die Gesamtheit wie für den Einzelnen ist das Leben ohne Weltanschauung eine pathologische Störung des höheren Orientierungssinnes. (Kulturphilosophie I, 1923)

*
Es ist Aufgabe des Menschen zu bewirken,
dass das Menschsein Bedeutung hat.

Simone de Beauvoir
*
Die größte Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, wie
er seine Stelle in der Schöpfung gehörig und recht vertsehe,
was man sein muß, um Mensch zu sein.

Immanuel Kant

*

Mindestens ebenso wichtig wie ein Bekenntnis zum Glauben
an Gott wäre heute das Bekenntnis zum Glauben an
verantwortliche Menschlichkeit - zum Humanismus als
ethische Orientierung.

*

Ein Anspruch auf Menschenwürde
ist ohne ein klares Bekenntnis
zum Menschsein
ein schwer erfüllbarer.

   


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www.wachstum-an-menschlichkeit.de/

14.01.2016